WILDE (2014/2015)


“A masterpiece" Süddeutsche Zeitung

“Iridescent theatre music. An extraordinary opera evening” Frankfurter Allgemeine Zeitung

“Eminently exciting music with big impact. Wilde is a strong piece” Stuttgarter Nachrichten

“Impressive Wilde in Schwetzingen. An exciting evening. Text, music, staging and interpretation succeed in the best possible way” Mannheimer Morgen

“The interpretation of the text is masterful. The effect of this fickle vocal style is very sensual and seductive. The impression remains that we have heard a little masterpiece” Das Opernglas

“Within Parra's music there is a great power of seduction” Südkurier

“Parra's music is on a very high level. Downright beguiling the vocal exaltations of the sisters. The trio of ladies shines here with vocal perfection” Opernwelt

“Sensual vocal lines. Very eloquent and ghostly waving mysterious sounds. An exciting evening, for which all participants were enthusiastically received” Rhein-Neckar Zeitung

“The multilayered score which, appart from musically extreme passages hard to sing also offers melodic sequences in all possible facets” Der Neue Merker

“Applause for the opera nightmare Wilde” Musik Heute

“Complexity and melodic-harmonic nostalgia put together into a noble dialogue” Neuemusik Zeitung

“For the complex and multilayered text Parra wrote a very exciting music which, without using electronics, binds the old and the new” Badische Zeitung/Allgemeine Zeitung

“Hèctor Parra wrote very sensible and emotional music which brings out the macabre situations” Online Merker

“Hector Parra highlights the tension of aggressive action, but also brings relaxation and almost lyrical moments” Lokalmatador

“Hèctor Parra wrote a strong music” Südwest Presse

“Wilde is a major confrontation with the trauma of the origin and action in our own lives” SWR

“Calixto Bieito, Händl Klaus, and Hector Parra - three wild have found themselves” SWR2-Kultur Info

“Wilde is a strong piece” Schwetzinger Zeitung


"Die bloß angedeuteten Albträume und Katastrophen sind immer die schlimmsten, zumindest im Theater. Weil der Zuschauer dann noch Schlimmeres denkt und auf sich selbst bezieht. Aus dieser Erkenntnis heraus haben der sich derzeit als europäischer Großmeister etablierende Komponist Hèctor Parra und sein Librettist Klaus Händl, dessen Stücke längst eine feste Größe im deutschsprachigen Theater sind, eine Oper für die Schwetzinger Festspiele geschrieben, die schlicht "Wilde" heißt und in eineinhalb pausenlosen Stunden das zufällige Zusammentreffen eines seltsamen Arztes mit einer noch seltsameren Familie verhandelt. Da geht es um Todes- und Lebensängste, um Entwurzelung und Liebessehnsucht, um Bindungsängste und eine zu große menschliche Nähe. Aber explizit wird nichts ausgesprochen. Weshalb ein Grauen aus Blutrausch, Triebunterdrückung, Inzest und Verzweiflung aus jedem Moment dieser Meisterpartitur atmet. Parra schreibt betörende Melodien und abwechslungsreiche Ensembles für je drei Frauen und Männer. Er ist damit meilenweit entfernt von der nachwagnerianischen Ödnis des ewigen Textrezitierens, die bleischwer auf vielen neuen Opern lastet. Ekkehard Abele singt den Arzt als zunehmend verzweifelten Schmerzensmann, Bernhard Landauer setzt seine Countertenorkoloraturen dagegen, Vincent Lièvre-Picard ist der ruhende Pol. Mireille Lebel, Marisol Montalvo und Lini Gong kirren, locken, blutrünsteln: Besser könnten die Rollen nicht besetzt sein.
So sind die Singstimmen das tragende und schlüssig formbildende Moment des Stücks. Das Instrumentalensemble von SWR-Musikern unter dem nobel agierenden Dirigenten Peter Rundel liefert dazu lichte und zerbröckelnde Klänge, in denen sich Zuversicht und Hoffnungslosigkeit die Waage halten. Weshalb sich nie Überdruss an diesem Sittengemälde trostloser, also zeitgemäßer Existenzen einstellt. Sogar Regisseur Calixto Bieito, der für grell bluttriefende Arbeiten bekannt ist, verbeißt sich seinen Hang zum Überdeutlichen. Er belässt es bei ein paar Blutspritzern und Kopulationsandeutungen. Die ereignen sich in einem dreigeschossig roh gezimmerten Holzgerüst, das Susanne Gschwender in das kleine Schwetzinger Hoftheater gebaut hat. Der schöne Schein vergangener Tage ist längst dahin. Dennoch müssen alle derer eingedenk ihre kümmerlich schmerzerfüllte Existenz leben. Das aber gilt vermutlich nicht nur für Parras und Händls Opernmenschen, sondern für uns alle."
Reinhard j. Brembeck, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (5.2015)


"Der katalanische Komponist Héctor Parra schreibt Musik, die zum Greifen schön wirkt. So unterschiedlich seine Stücke auch ausfallen, stets gibt es da eine haptische Komponente, die dem Hörer mit ausgebreiteten Armen entgegenkommt. Auch die Kompositionsskizzen Parras sind oftmals bildhaft, sie ähneln Graphiken oder architektonischen Entwürfen. [...]
Die Bühnenbildnerin Susanne Gschwender ließ sich von Parras Zeichnung inspirieren und ein dreistöckiges Hamster-Häuschen zimmern, ohne Wände, ohne Decken, das, obzwar noch im Rohbau, dennoch rabiat tief in den Zuschauerraum hineinragt, die Musiker aus dem Graben herausgescheucht und auf die Hinterbühne verwiesen hat, die Sänger aber, während sie anspruchsvolle Partien bewältigen, zu allerhand Kletterpartien animiert. Das macht viel her. Abgesehen von Parras irisierender Theatermusik ist dieses Haus die wohl meistbeeindruckende Zutat dieses außergewöhnlichen Opernabends. Dreht sich nicht, bewegt sich nicht, steht nur einfach so herum in seiner ikeasauberen Holzverschalung, im sanft aufsteigenden Mythennebeldampf, und lässt sich geduldig besteigen.
Auf Elektronik hat Parra ganz verzichtet. Allein ein konventionelles Symphonieorchester (das RSO Stuttgart des SWR, angeführt von Peter Rundel) sorgt für die farbige Vielfalt gesten- und ausdrucksstarker, teils lautmalerischer und geräuschhafter Gruselschockermusik, die die Mono- und Dialoge in freier Atonalität und herzhaftem Mickey-Mousing illuminiert. Wenn einer der Protagonisten sich ängstigt, zittert und schabt es zartdissonant in den Streichern; jauchzt einer, jodeln und jubeln die Holzbläser impressionistisch mit; ist sehnsüchtig von Durst, Wasser oder Fluss die Rede, tauchen kurz impressionistisch inspirierte bläuliche Klänge auf. Und erschrickt sich wer, dann rumpelt und ranzt das Schlagzeug wie Zeus, der Donnerer. In bewährter Wagnerscher Tradition sind die Instrumente, Tuba oder Flöte, mal auch klüger als die Sänger, die in nachklappenden Echos ironisch kommentiert werden.
Im ersten Akt verführen die infernalischen Flickbrüder, Emil (Countertenor Bernhard Landauer) und Hanno (Hautcontre Vincent Lièvre-Picard), mit ihren lüsternen Kastratenkoloraturen den verirrten Gutmenschen (Ekkehard Abele) zur gemeinsamen Gewalttat an einem stummen alten Mann. Am Ende des zweiten Aktes locken sie ihn ins Haus, wo die drei Flickschwestern Angela, Hedy und Iris ihn schon erwarten: Da bricht in Parras Filmmusik unverhofft romantische Harmonik ein, erzählt zwischen den Zeilen etwas vom Himmel, der still die Erde küsst, in einer raffiniert verdrehten Paraphrase aus Robert Schumanns Eichendorff-Liederkreis. Alle drei Damen (zwei Soprane, ein Mezzosopran: Mireille Lebel, Marisol Montalvo und Lini Gong) haben Gelegenheit, ein virtuoses Solo zu singen und sich zu entblößen. Aber auch das geht vorbei. Im dritten Akt schließlich trinkt der Fremde vampirisch das Blut der Damen, und alle freuen sich auf das gemeinsame Katzengrillen am schönen Strand der Lau. [...]
Parras süffige, malerisch-nächtliche Theatermusik, herrlich gesungen, präzise ausgeführt, deckte alle weiteren eitlen Fragen sanft zu.
Eleonore Büning, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG (5.2015)


"Gunter hat die Oper im Kopf. Als „Arzt ohne Grenzen“ stellt ihn das Textbuch vor, auf dem Hector Parras neue Oper „Wilde“ fußt, und tatsächlich ist der Mann, der eben mit seinem Koffer den Zug verließ, ein Aussteiger. Aus dem Zug ist er herausgeklettert, zu stickig war es dort, zu eng, und wie er nun draußen steht in dem mehrstöckigen Gerüst eines Holzhauses, das Susanne Gschwender auf die Bühne des Schwetzinger Rokokotheaters gebaut hat, ist er erst ganz allein dort.
Nur die Oper hat er im Kopf – auch er könnte wie Richard Strauss’ „Elektra“ singen: „Die Musik, sie ist doch in mir!“ Weil die Musik des Katalanen Hector Parra in -„Wilde“ von all dem erzählt, was Gunter erlebt hat und empfindet, huschen 100 spannende Minuten lang Gestalten und Klänge der näheren und ferneren Musikgeschichte an den Ohren des Publikums vorbei. Bach, Wagner, am Ende gar Strawinsky sind, mal mehr und mal weniger kenntlich, dabei; es gibt Passionsmusik, spätromantische Chromatik, das „Frühlingsopfer“.
Dabei ist Parras Musik ebenso hermetisch wie das Libretto des auf so wundersame Weise musikalisch denkenden und dichtenden Tirolers Händl Klaus, das Handlung und Bühnenanweisungen in seine eigenartig gefühlsentleerten Worte hineingesogen hat und das mit seinen zahlreichen Kommas dabei den Text für die Musik gleichsam mundgerecht zubereitet. „Es ist nicht weit“, heißt es da zum Beispiel, „ein kurzer Weg, / ein schönes Stück, / Erinnerung, / in Schwarz, / woran, / aus Leder, / schwer, / im Sommer, / schwarz,/ in Trauer, / sind Sie, / trauern Sie, / wie wir, / die wir, / so traurig sind.“
Wohlgemerkt: Dies ist ein Dialog. Die Sätze sind zusammengesetzt, sind Collagen aus Wörtern und Satzteilen, die nicht nur von der Hauptfigur geäußert werden, sondern auch von einem ganz wundervollen Sänger-Ensemble mit Tenor (Vincent Lièvre-Picard), Countertenor (Bernhard Landauer), zwei Sopranistinnen (Marisol Montalvo, Lini Gong) und einer Mezzosopranistin (Mireille Lebel). Sie alle sind Teile eines Bildes, Stimmen aus Gunters Innerem. Real sind sie nicht. „Wilde“ handelt nicht von einem Mann, der aussteigt, bei zwei Brüdern und drei Schwestern unter- und verkommt. Nein, „Wilde“ ist der Albtraum eines Aussteigers und der Albtraum von einer durch und durch entmenschlichten Welt. [...]
So reibt sich das Irreale von Text und ¬Musik ganz mächtig an dieser Direktheit und Konkretheit der Szene, und das ist der Gesamtwirkung des Stücks als Gegensatz zwischen dem schmucklosen, oft grausamen Text und der eminent gefühlsprallen Musik, die Hector Parra dazu komponiert hat, weit weniger zuträglich .
Von diesem Gegensatz nämlich lebt ¬„Wilde“, er macht (neben den musikalisch gesetzten, stilistisch-formalen) Kontrasten den größten Reiz der Oper aus, und unter Peter Rundels Leitung spielt das im hinteren Teil der Bühne positionierte Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR die Härte, Klarheit und Sinnlichkeit mit Präzision und Emphase aus. Zwischen satter Tonalität und irisierenden Farb-Licht-Wirkungen entfaltet Parras eminent spannende Musik hier große Wirkung. Man kann die Augen schließen und einfach nur zuhören. Dann kriecht diese Oper in einen hinein. Dann hat man sie auch im Kopf. Dort kann sie bleiben. „Wilde“ ist ein starkes Stück."
Susanne Benda, STUTTGARTER NACHRICHTEN (5.2015)


"Eindrucksvolle "Wilde" in Schwetzingen
Die letzten Tage der Menschheit - oder besser gesagt: des zivilisierten Menschseins - sind über die Pfingstfeiertage kurzerhand ins Rokokotheater nach Schwetzingen verlegt worden. Dort geht es grausam zu, blutig und zügellos. Denn dort steigt ein Arzt ohne Grenzen, also ein Mensch mit hohen moralischen Ansprüchen und humaner Gesinnung, schwitzend aus dem Zug und trifft, nun ja, auf Wilde aus Neumünster. Sie bescheren dem Arzt ohne Grenzen die Hölle ohne Grenzen. Die Flicks sind verflixt schräge Typen, zwei Brüder, drei Schwestern, die ethisch losgelöst, sozial verkommen und sexuell gierig auf den armen Arzt losgehen. Gunter aus Bleibach, so heißt der arme Wurm, weiß sich nicht zu helfen. Er ruft nach der Polizei. Er bittet um Wasser. Ihm ist heiß. Er hat Durst. Aber weder gibt es hier Wasser, noch Strom, noch Menschlichkeit. Alles ist Schrecken an diesem Ort und also in diesen 100 Minuten Musiktheater, Hoffnung ein Placebo.
Überraschend an dieser Oper ist, dass Komponist Hèctor Parra alles andere als grausame Musik zum Text von Schriftsteller Händl Klaus geschrieben hat. Zu dem Psychothriller zwischen Nouveau Roman, surrealistischer Beklemmung und den traumatischen "Suicide Sisters" des Amerikaners Jeffrey Eugenides setzt Parra mitunter wunderschöne Musik, die aber freilich den Alptraum nur schlimmer macht. Man muss nur hören, wie Hanno und Emil dem Arzt auf schwülstige Weise erklären, dass die Polizei im Sommer geschlossen ans Meer fährt: Parra lässt da die Streicher barock seufzen und pulsieren - in einer Multitonalität zwischen E-, A- und B-Dur, die nie wunderbarer klang und zwischen Händel, Schumann, Wagner, Berg und den Möglichkeiten aktueller Musik so ziemlich alles abklappert oder zitiert.
Der Regisseur heißt Calixto Bieito. Das Genre ist wie geschaffen für den Katalanen, der früher für Skandale sorgte und heute mehr und mehr zum Kern ernster Stoffe vorzudringen weiß. In Schwetzingen hat er mit Susanne Gschwender einen dreistöckigen, durchlöcherten Riesenrohbau aus Holz zusammengezimmert, der spitz, expressionistisch und bis unter den Deckenlüster in den Saal hineinschießt. In diesem Haus wird Gunters Leid verhandelt. Das formidabel aufspielende SWR-Orchester unter Peter Rundel schießt brillante Klänge von hinten links auf der Bühne ins Auditorium. Die Klaustrophobie des Stücks ist zwar in einem Haus ohne Wände transparent, aber dennoch deutlich spürbar. Zusammen mit den Sängern gerät der Abend zum Ereignis.
Dass das alles nicht wahr sein kann, schwant uns irgendwann aber dann doch. Was wir sehen, sind nicht die letzten Tage zivilisierten Menschseins. Es sind wohl eher die letzten Momente vor dem Irrsinn, dem Gunter verfällt, weil er als Arzt ohne Grenzen in Krisengebieten alle Abgründe gesehen hat, die unsere Vorstellungskraft sprengen: Tod, Leid, Blut, Ekel, Niedertracht. Insofern ließe sich die Geschichte auch als reine Wahnvorstellung Gunters deuten. Die Flicks wären - ganz freudianisch - seine verschütteten Ängste, Wahnvorstellungen und Wünsche.
Bieito macht nicht viel. Aus konzentrierter Personenführung resultiert psychologische Tiefenschärfe. Die jungen Sänger sind dabei entscheidend: Sie singen paradiesisch und spielen infernalisch, aufopfernd und leidenschaftlich. Das Trio Angela-Hedy-Iris Flick ist irgendwo angesiedelt zwischen Mozarts Drei Damen, Wagners Walküren und der Göttertrias Hera-Athene-Aphrodite, und wie Mireille Lebel (Mezzo), Marisol Montalvo und Lini Gong (Sopran) die schwierigen Partien meistern und im Werben um Gunter (Stich mich...) erotische Anziehungskraft entwickeln, begeistert. Das Männertrio Gunter-Hanno-Emil steht dem in nichts nach. Ekkehard Abeles Gunter trifft den Ton zwischen Heldenbariton und tiefster Verletzbarkeit. Sein Leiden entwickelt sich zur echten Passion (was Bieito durch die Blutzeichen auf seinem Körper verstärkt). Bernhard Landauer (Countertenor) und Vincent Lièvre-Picard (Tenor) sind als Flickbrüder so bedrohlich wie Ernst Alisch als stummer Vater Wolfgang. Auch er bleibt eine verrückte Gestalt mit dem Zeug zur tickenden Zeitbombe.
Alles zusammen macht nicht weniger als einen rauschhaften Abend. Text, Musik, Inszenierung und Interpretation gelingen aufs Beste (das Publikum sieht das weitgehend auch so) - obwohl man die "Wilden" in ihrem Psychogefängnis einigermaßen betreten zurücklässt. Wieder draußen, genießt man Freiheit und Himmel. Die letzten Tage der Menschheit sind noch nicht gekommen. Diese "Wilden" aber waren sicher die Vorboten in einer Art Vorhölle."
Stefan M. Dettlinger, MANNHEIMER MORGEN (5.2015)


“[...] Diese erwies sich in ihrer mit vielen Beinahe-Zitaten aus diversen Epochen der Musikgeschichte angereicherten, dabei von jeder Beliebigkeit freien Polystilistik und ihrer farbig schillernden Orchestrierung -besonders die häufig in höchsten Flageoletttönen entschwebenden Geigen bleiben im Ohr - als ebenso hochkarätig wie überraschend leicht zugänglich. Auch die Textausdeutung ist meisterhaft, indem sie zum einen den Sprachwitz der Vorlage beim Wort nimmt und tonsymbolisch ad absurdum führt, zum anderen mit Vorliebe die perfidesten Stellen in trügerischen Schönklang einhüllt. Die Sänger sehen sich vor ebenso dankbare wie vielfältige Aufgaben gestellt, die das Uraufführungsensemble hervorragend meisterte.
Gunter, von Ekkehard Abele mit markant intonierendem Bariton gesungen, ist mit seiner von weiten Intervallsprüngen geprägten Deklamation ein Zeitgenosse der Moderne. Die Flick-Schwestern Angela (Mireille Lebel), Hedy (Marisol Montalvo) und Iris (Lini Gong) geben sich in ihren sirenenhaften Terzetten als musikalische Nachfahrinnen von Wagners Rheintöchtern zu erkennen.
Die musikalischen Äusserungen der Brüder Hanno (Vincent Lièvre-Picard) und Emil (Bernhard Landauer) klingen hingegen, als habe ein Ausserirdischer versucht, Barockarien zu schreiben: Langgezogene, feingliedrige Melodielinien in hoher Tenor - respektive Altlage, voller kurioser Melismen und Koloraturen, die um sinntragende Wörter und Silben herumgaukeln wie Motten um das Licht.
Die Wirkung dieses flatterhaften Gesangsstils ist ausgesprochen sinnlich und verführerisch: Am Ende ist auch Gunter hörbar davon angesteckt.
Es bleibt der Eindruck, ein kleines Meisterwerk gehört zu haben, das in einer eher auf schwarzen Humor denn auf blosse Schockwirkung setzenden Inszenierung durchaus noch weitere Facetten offenbaren könnte. Heilfroh, der von barbarischen "Wilden" bevölkerten Vorhölle zu entrinnen, in die sich das Innere des Rokokotheaters für einhundert Minuten verwandelt hatte, tritt man nach der Vorstellung etwas beklommen in die idylle des abendlichen Schwetzinger Schlossparks hinaus, wo in lauschigen Heckenlabyrinthen die Rotkehlchen ebenso zierlich und verschnörkelt singen wie die Brüder Flick, und ist auf der Hut, während der Heimreise ja nicht zu früh aus dem Zug zu steigen: Neumünster and der Lau könnte überal sein.”
C. Fischer, DAS OPERNGLAS (7-8.2015)


"[...] Der 38-jährige Katalane unterrichtet seit zwei Jahren am Pariser Ircam, einer Art Elektronik-Harvard, und ist hierzulande mit seinem Musiktheater „Das geopferte Leben“ positiv aufgefallen, das im vergangenen Jahr auch in Freiburg zu sehen war. Dort hatte er ein Alte-Musik- und ein Neue-Musik-Ensemble aufeinandertreffen lassen. Parras Affinität zur Barockmusik schlägt sich nun vor allem in der Wahl eines Countertenors (Bernhard Landauer) als Flick-Bruder Emil nieder, der Gunter madrigalesk und koloraturreich umgarnt. Mit dem Tenor Vincent Lièvre-Picard als Hanno Flick ergänzt er sich zum musikalisch ineinandergreifenden Brüderpaar, das Gunter (beeindruckend in seiner Leidensfähigkeit: Ekkehard Abele) in die Opferrolle drängt.
In Parras Musik steckt viel Verführungskraft. Besonders die Trios, in denen die Stimmen der mit Lini Gong, Marisol Montalvo und Mireille Lebel überragend besetzten Schwestern miteinander verschmelzen, gehören zu den Glanzstücken der Partitur. Parras Auseinandersetzung mit dem Text ist überall hörbar. Er interpretiert, formt und gliedert ihn, reagiert auf dessen Rhythmen und beweist jede Menge Klangfantasie im Umgang mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (Leitung: Peter Rundel). Bühnenwirksam spannungserzeugende Musik wechselt mit irrlichternd oder traumhaft entrückenden Passagen, die plötzlich den Duft einer Mahler-Partitur aufsteigen lassen.[...]"
Elisabeth Schwind, SÜDKURIER (5.2015)


"Klaustrophobisch und psychotisch sind die Szenerien in den Libretti von Händl Klaus in aller Regel. Stücke des österreichischen Dramatikers wurden in den letzten Jahren gerne vertont, zuletzt von Georg Friedrich Haas in seiner Oper "Bluthaus" bei den Schwetzinger SWR-Festspielen. Auch der spanische Komponist Hèctor Parra wurde angezogen von solch düsterer Atmosphäre: In Uraufführung konnte man nun beim gleichen Festival dessen jüngste Oper "Wilde" im Rokokotheater erleben.
Recht kafkaesk ist die Handlung. Dabei strandet der Arzt Gunter auf seiner Heimreise vom Auslandeinsatz in einem kleinen Nest, bei den Brüdern Emil und Hanno, die ihn mit sanfter Gewalt überreden zu bleiben. Einen Koffer voller blutiger Mullbinden schleppt der Arzt mit sich wie ein unbewältigtes Trauma. Was wiederum Aggressionen bei den Brüdern in Gang setzt, die in eine Gewaltorgie münden. Die Brüder haben aber auch noch drei Schwestern, die das Blut nicht weniger lieben. Wie drei Vampirinnen fallen sie über Gunter her in erotischer Absicht, immer verführerisch und blutgeil.
Jedenfalls ist das so in der Inszenierung von Calixto Bieito, der solche Absichten eindeutig offenlegt. Auch Parras sinnliche Gesangslinien legen das erotische Moment nahe. Wie in "Bluthaus" öffnet sich hier ein Haus des Schreckens. Ein roh gezimmertes, mehrstöckiges Hausgerüst hat Susanne Gschwender auf die Bühne gestellt, viel Raum für Pein und Peinigungen. Sophia Schneider hat die Kostüme entworfen, derer sich die Darsteller zunehmend entledigen.
Die klaustrophobische, unheilschwangere Szenerie fängt Parra sehr beredt ein mit geisterhaft wehenden, geheimnisvollen Klängen. Schwebende, delikate Atonalität mündet in rhythmisch jagende Passagen und obsessive Verdichtungen. Zwischen den sperrigen Verästelungen, die das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR unter der Leitung von Peter Rundel detailklar musizierte, zwischen schwelenden Spannungen gab es mitunter tonale Zauberklänge und auch Zitate. So singt sich Gunter einmal in Schumanns "Mondnacht" hinein, und immer wieder wehen Klänge herein, die Bergs "Wozzeck" als Vorbild erkennen lassen.
Hochexpressiv sang Ekkehard Abele die Partie des Arztes, ausgezeichnet bewältigte er die Wechsel von sonorer Baritonlage in die Kopfstimme ebenso wie die glissandierenden und mäandernden Vokalisen. Koloraturenreiche Verführung ließ der Countertenor Bernhard Landauer als Emil intensiv züngeln, und zusammen mit Vincent Lièvre-Picard formte er das in beschwörenden Duetten singende Brüderpaar, wie eine doppelköpfige Hydra.
Gleichsam als verführerische Rheintöchter kommen die drei Schwestern daher und singen ebensolche Sirenengesänge, meistens dreistimmig. Gegen Ende bezirzen sie den guten Doktor einzeln: Mireille Lebel mit glühender Erotik ihres klangvollen Mezzosoprans, Lini Gong mit höhensicher geformten, abenteuerlich virtuosen Koloraturen und Marisol Montalvo mit sinnlich schmieg-samen Kantilenen, die sie intensiv schillern ließ. Am Ende einen sie sich zu einem Quartett mit koital gehechelten Vokalen.
Und auch zuvor schon wendet Parra interessante Techniken an, verteilt immer wieder Worte und Satzgebilde reihum phrasenweise an die singenden Personen, so dass sich eine verschworene Gemeinde bildet. Ohnehin ist dies eine Gemeinschaft aus Besessenheiten, Abhängigkeiten, Dekadenz und kranken Obsessionen.
Ein spannender Abend, wofür alle Beteiligten begeistert gefeiert wurden."
Rainer Köhl, RHEIN-NECKAR ZEITUNG (5.2015)


"Eine großartige Leistung bot der Bariton Ekkehard Abele in der Rolle des „gestrandeten“ Gunter. [...]
Das in einer fragmentarischen Sprache voller Andeutungen verfasste Libretto ist eine große Auseinandersetzung mit dem Trauma der Herkunft und des Handelns im eigenen Leben. In einem im Programmheft abgedruckten Gespräch, das Katja Leclerc mit Hèctor Parra führte, sagte der Komponist über den Librettisten: „Ich habe eine Magie vorgefunden. Händl Klaus ist eine Art Sprach-Zauberer. Dazu kommt eine große Musikalität. Ich las die Sätze und hörte sie im selben Moment wie gesungen.“ Und über sein eigenes Werk: „Man könnte sagen, dass die Oper ein existenzielles Werk ist, aber ohne Pathos. Ein Stück über grundlegende menschliche Bedürfnisse: den Durst, den Hunger, die Hitze, die Sexualität, das Heilen und Geheiltwerden.“
Alle diese menschlichen Bedürfnisse und Probleme zeigte der katalanische Regisseur Calixto Bieito, den so manche Kritiker als „Regie-Berserker“ bezeichnet hatten, in seiner Inszenierung mit einer fast brutalen Offenherzigkeit, die einen Teil des Publikums zu verstören schien. Unter anderem wird viel ins eigene Fleisch geschnitten, was die drei Schwestern zu erregen scheint, besitzen sie doch auch eine Sammlung chirurgischer Instrumente.
Der Regisseur siedelte das Stück in einem dreistöckigen Holzhaus an, das über den Orchestergraben reichte (die Musiker spielten im Hintergrund seitlich des Hauses) und von Susanne Gschwender mit dem Regisseur entworfen wurde. Für die dazu passenden Kostüme zeichnete Sophia Schneider verantwortlich. Dass die Inszenierung dadurch starke Bilder erzeugte, muss als Pluspunkt für die Aufführung anerkannt werden.
Dem Sängerensemble verlangte Calixto Bieito durch seine expressive Personenführung ungewöhnlich viel ab. Dennoch war die gesangliche Darbietung dadurch nicht geschmälert. Mit einer ausgezeichneten Leistung wartete der Bariton Ekkehard Abele in der Rolle des Gunter aus Bleibach auf, der in der Darstellung des vom Krieg gezeichneten Arztes bis zum Äußersten gehen musste. Mit großer Wortdeutlichkeit und seiner kräftigen, dunkel gefärbten Stimme faszinierte er das Publikum von der ersten bis zur letzten Szene.
Überzeugend auch die schauspielerischen Leistungen des Brüderpaares Flick. Hanno wurde vom französischen Tenor Vincent Lièvre-Picard dargestellt, Emil vom Tiroler Countertenor Bernhard Landauer, dessen hohe Stimme oft schneidende Wirkung erzielte. Von den drei Schwestern Angela, Hedy und Iris Flick war die kanadische Mezzosopranistin Mireille Lebel am eindrucksvollsten. Auch sie musste in ihren Szenen sehr weit an Selbstäußerung gehen. Als sie sich in der Liebesszene mit Gunter ihres Kleides entledigte, waren Büstenhalter und Slip blutgetränkt. Stimmlich konnte sie durch ihre große Bandbreite und Ausdrucksstärke überzeugen.
Ihre Schwester Hedy spielte die amerikanische Sopranistin Marisol Montalvo – an Calixto Bieito aus Basel gewöhnt, wo sie unter seiner Regie die Lulu sehr freizügig verkörperte – in schwarzem Badeanzug, wobei sie ihre stärkste Szene mit Gunter hatte, in der sie ihre masochistische Ader durch Selbstfesselung befriedigte. Die dritte Schwester Iris wurde von der chinesischen Sopranistin Lini Gong dargestellt. Sie wirkte im Vorjahr an der Münchner Biennale in der Uraufführung von Parras Oper Das geopferte Leben mit und war stimmlich durch die mühelose Darbietung höchster Töne überzeugender als schauspielerisch.
Mit ausdrucksstarker Mimik stellte der Schauspieler Ernst Alisch die stumme Rolle des Vaters der fünf Flickgeschwister dar. Er wird an der Tankstelle, die man sich denken musste, von seinen beiden Söhnen zusammengeschlagen, weil er ihre Benzinkanister nicht auffüllen konnte. In der Schlussszene zerreißt er die von Gunter erhaltene Jacke und geißelt sich damit.
Mit viel Einsatz leitete Peter Rundel das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, das die vielschichtige Partitur des katalanischen Komponisten, die neben vielen musikalisch extremen Passagen, die vor allem an die Sängerinnen große Anforderungen stellte, auch melodische Sequenzen aufwies, in allen Facetten wiedergab. Dazu ein Zitat des Komponisten: „Die Melodien der Flick-Brüder sind aus stark chromatischen Harmonien gewoben, toxisch und verhängnisvoll anziehend. Sie entstehen aus der Überlagerung von kleiner Terz und großer Sekund und befinden sich in ständiger Entwicklung – es handelt sich um eine diabolische Maschine in engelhafter Verkleidung, die nicht aufzuhalten ist. Die Harmonien der Flicks sind geradezu luxuriös illustriert und bilden das Gerüst für einen Großteil der ersten zwei Akte von WILDE.“
Das Premierenpublikum spendete allen Mitwirkenden lang anhaltenden Applaus – auch dem Regieteam –, wobei der Bariton Ekkehard Abele, der Darsteller des „gestrandeten“ Gunter, und der Schauspieler Ernst Alisch mit Bravorufen bedacht wurden. Extrabeifall gab es am Schluss noch für das Orchester und seinen Dirigenten."
Udo Pacolt, DER NEUE MERKER (5.2015)


"Beifall für Opernalbtraum “Wilde”
Der spanische Regisseur Calixto Bieito ist bekannt für seine blutig-gewalttätigen Inszenierungen mit sexuellen Komponenten. Auf der Bühne der Schwetzinger Festspiele lebte er sich am Freitagabend so richtig aus. Dafür bekam der 51-Jährige erstaunlich viel Beifall nach der Uraufführung der modernen Oper “Wilde” nach einem Text des österreichischen Dramatikers Händl Klaus (46) und mit neuer Musik des spanischen Komponisten Hèctor Parra (38). [...]
In dem gespenstischen Bahnhof mit einem Beton-Holz-Rohbau (Bühnenbild ebenfalls von Calixto Bieito) und viel Staub und Nebel trifft Gunter nun zwei einheimische Männer, die Brüder Flick (Bernhard Landauer/Vincent Lièvre-Picard). Diese hindern ihn auch mit Hilfe von Kastraten-Koloraturen und chromatischen Harmonie-Dialogen an der Weiterfahrt und finden in seinem Koffer blutig-verkeimtes Operationsmaterial. In dem geheimnisvollen und vergifteten Ort leiden die wenigen sichtbaren Menschen offenbar schon länger an Schwindsucht.
Nun trifft Gunter mit seinem tiefen Bariton und mit seiner sprunghaften Gesangslinie auf drei kranke und vor allem an den Geschlechtsteilen blutende Schwestern. Diese verführen ihn sichtbar und bitten gleichzeitig darum, sie mit Nadeln zu operieren und die Brustkörbe zu öffnen. Der Arzt richtet in der Folge ein orgiastisches Blutbad an, bei dem unklar ist, ob sich dieses nicht nur in seiner Fantasie abspielt. Denn mit dem roten Lebenssaft stillt er auch seinen Durst und wird immer mehr ein Teil der merkwürdigen Horror-Menschengruppe. Am nächsten Tag will er dann mit den anderen Protagonisten gemeinsam eine nahe Kirche besuchen, die berühmt für ihre Fresken ist. Da bricht das Geschehen ab. [...]"
Christian Jung, MUSIK HEUTE (5.2015)


"Die Arbeit am Bauprojekt aber ruht. Hinter dem nostalgisch-schönen Konstrukt, das an die Aufbruchs- und Wirtschaftswunderjahre nach dem letzten Krieg erinnert, arbeiten hingegen Mitglieder des SWR-Orchesters, das in Stuttgart aus derselben historischen Phase überlebte und nun seine Leistungsfähigkeit auch mit einer hochkomplexen Partitur unter Beweis stellt. Erhebliche Vibrationen gehen von der Kapelle aus – vom glänzend blechgestützten Tutti bis zu den einzelnen Tableaus des strukturierend geschichteten Tonsatzes oder zu solistisch trillernden Flötensoli. Hèctor Para hat seine Partitur mit kalligraphischer Sorgfalt ausgeführt. Indem man dem Programmheft entnimmt, dass der katalanische Komponist seine Fortbildung sowohl bei Brian Ferneyhough einholte wie bei Jonathan Harvey, also beim Meister des „Komplexismus“ und bei einem schlicht gestrickten, stark religiös erweckten britischen Kompositionslehrer, glaubt man zu hören, dass bei der Ouverture die beiden konträren Vektoren des Tongetümmels – Komplexität und melodiös-harmonische Nostalgie – im edlen Widerstreit liegen. Das fängt ja gut an! [...]
Die drei Schwestern erweisen sich als scharfe Repräsentantinnen ihres Geschlechts: die blumenbunt bekleidete, besonders willige und dann auch fast vollständig entkleidete älteste, die Mireille Lebel mit allen erdenklichen stimmlichen und optischen Attributen des Verführerischen ausstattet. Amarisol Montalvo verkörpert neben ihr die südländisch-temperamentvolle Frau („Die Sonne brennt“) und Lini Gong die senfscharf singende Chinesin: Sirenengesang mit Momenten der handfesten Erdung. Dieses Damentrio mit all seinen musikhistorischen Konnotationen – sie reichen bis zur „Zauberflöte“, den „Rheintöchtern“ und zur Eichendorff-Schumannschen „Mondnacht“ – ist vielleicht das, was von diesem Musiktheaterabend im Schwetzinger Schlossparktheater am nachhaltigsten in Erinnerung bleibt."
Frieder Reininghaus, NEUE MUSIKZEITUNG (5.2015)


"Abgründe der Menschheit. Im vergangenen Jahr machte der aus Barcelona stammende Komponist Hèctor Parra (38) bei der Münchner Musiktheater-Biennale mit seiner Oper "Das geopferte Leben" in Zusammenarbeit mit dem Freiburger Barockorchester, dem Ensemble Recherche und dem Theater Freiburg, wo die Produktion später auch zu erleben war, auf sich aufmerksam. Diesmal steuerte er bei der Uraufführung der Oper "Wilde" bei den Schwetzinger Festspielen die Musik zu dem morbiden Libretto des österreichischen Autors und Dramatikers Händl Klaus (46) bei. War es Inzest und Mord bei "Bluthaus" und das minuziös geschilderte Sterben in "Thomas", beide Opern wurden nach seinen Libretti schon zuvor in Schwetzingen uraufgeführt, so hat sich Händl Klaus für die diesjährige Uraufführung bei dem Libretto zu "Wilde" des Schicksals des in Moldawien traumatisierten Arztes Gunter aus Bleibach angenommen. Dieser strandet auf seiner Heimreise in dem verlassen scheinenden Ort Neumünster an der Lau. Dort bieten ihm die seltsamen Brüder Flick in ihrem Haus Unterschlupf, in dem auch ihre drei kranken Schwestern leben.
Ein düsteres Geschehen von Gewalt, Selbstzerstörung und sexueller Bedrängnis beginnt, das in der Auslöschung der Persönlichkeit von Gunter endet. Händl Klaus ist ein Sprachkünstler, der sich mit den psychopathologischen Abgründen deformierter Menschen wie Gunter, aber auch der Familie Flick eingehend befasst. "Wilde" erscheint motivisch fast wie eine Kreuzung von Edgar Allan Poes "Untergang des Hauses Usher" und Federico Garcia Lorcas "Bernarda Albas Haus".
Hèctor Parra, der eine Professur am Pariser Ircam, Exzellenzzentrum für elektronische Musik, inne hat, schrieb für den komplex-vieldeutigen Text eine spannungsreiche, unter weitgehendem Verzicht auf elektronische Mittel Altes und Neues verbindende Musik. Sie klingt gelegentlich zitathaft und schmiegt sich dicht an die Szene an, sie kommentiert, malt gelegentlich fast impressionistische Stimmungen, schwingt sich aber auch zu brachialen Höhepunkten auf. Peter Rundel dirigierte bei der knapp 100-minütigen Uraufführung das weit im Bühnenhintergrund im Schwetzinger Schlosstheater positionierte souveräne SWR Radio- Sinfonieorchester Stuttgart mit großer Übersicht und Sinn für die Farbigkeit der Partitur.
Für die Inszenierung des "Skandalregisseurs" Calixto Bieito, der in Schwetzingen die Sänger und Sängerinnen gemessen an den Abgründen des Librettos von Händl Klaus eher zurückhaltend agieren ließ, schuf Susanne Gschwender eine rohe dreistöckige Holzkonstruktion, die ästhetisch einen harten Kontrast zur verspielten Rokoko- Architektur des Schlosstheaters bot. Auf ihr agieren die auch akrobatisch geforderten Sängerinnen und Sänger, die die trotz des Einsatzes von viel Bühnenblut dem Text innewohnende Gewalt und die verdrängten sexuellen Bedürfnisse eher stilisiert denn naturalistisch ausleuchteten.
Der Bariton von Ekkehard Abele, der die zentrale Partie des Arztes Gunter kurzfristig übernommen hat, begeisterte durch größtmöglichen singdarstellerischen Einsatz. Der Countertenor Bernhard Landauer mit hoch-virtuoser, an barocke Kastraten erinnernde Koloraturen stand ihm kaum nach. Neben Vincent Lièvre-Picard als sein Bruder Hanno waren es Mireille Lebel, Marisol Montalvo und Lini Gong als ihre Schwestern, die nicht nur durch vokale Souveränität, sondern auch mit genauer Figurenzeichnung überzeugten. Der freundliche Beifall schloss auch den stummen Flick-Vater, verkörpert von Ernst Alisch, ein."
Thomas Weiss, BADISCHE ZEITUNG/ALLGEMEINE ZEITUNG (5.2015)


"Diesmal steuerte der aus Barcelona stammende Hèctor Parra die Musik zu dem dunkel-morbiden Libretto des österreichischen Autors und Dramatikers bei. Waren es Inzest und Mord bei „Bluthaus“ und das minutiös geschilderte Sterben in „Thomas“, so hat sich Händl Klaus für die diesjährige Uraufführung in Kooperation mit dem Staatstheater Mainz dem Schicksal eines traumatisierten Arztes angenommen. Gunter, nach einem Einsatz mit „Ärzte ohne Grenzen“ im Haus der seltsamen Geschwister Flick im verlassen wirkenden Neumünster gestrandet, durchlebt ein düsteres Geschehen von Gewalt, Selbstzerstörung und sexueller Bedrängnis, das in der Auslöschung seiner Persönlichkeit endet. Händl Klaus ist ein Sprachkünstler, der sich mit den psychopathologischen Abgründen deformierter Menschen wie Gunter, aber auch der Familie Flick eingehend befasst. „Wilde“ erscheint motivisch fast wie eine Kreuzung von Edgar Allan Poes „Untergang des Hauses Usher“ und Garcia Lorcas „Bernarda Albas Haus“.
Hèctor Parra,[...] hat für den komplex-vieldeutigen Text eine spannungsreiche, unter weitgehendem Verzicht auf elektronische Mittel Altes und Neues verbindende Musik geschrieben, die gelegentlich zitathaft klingt, sich dicht an die Szene anschmiegt, sie kommentiert, fast impressionistische Stimmungen malt, sich aber auch zu brachialen Höhepunkten aufschwingt.
Peter Rundel dirigierte bei der knapp hundertminütigen Uraufführung das weit im Bühnenhintergrund des Schwetzinger Schlosstheaters postierte souveräne Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR mit großer Übersicht und Sinn für die Farbigkeit der Partitur.
[...] Bieito nähert sich dem vieldeutigen Text von Händl Klaus und der Musik Parras mit großer Sensibilität. [...]"
Thomas Weiss, ONLINE MERKER (5.2015)


"Der Katalane Hèctor Parra (Jahrgang 1976) gehört zu den renommierstesten Komponisten der jüngeren Generation. Und zu den originellsten Vertretern einer neuen Ästhetik, bei der es zwischen den Stimmen, den Instrumenten und der Live-Elektronik zu einer dramatischen Interaktion kommt wie in seinem 2009 am Pariser IRCAM uraufgeführten Opernentwurf "Hypermusic Prologue". [...]
Das Libretto stammt von Händl Klaus, der damit nach "Bluthaus" (2011) und "Thomas" (2013) -beide von Georg Friedrich Haas vertont - schon zum dritten Mal für Schetzingen einen Text geliefert hat. Wie schon in "Bluthaus" konfrontiert er uns mit einem Alptraum. Der traumatisiert aus dem Kriseneinsatz in Moldawien zurückkehrende Arzt Gunter (Ekkehard Abele) ist zu früh aus dem überhitzten Zug ausgestiegen. Auf dem Bahnsteig gerät er in die Fänge der ihn pausenlos bequatschenden Brüder Emil und Hanno Flick (Bernhard Landauer und Vincent Lièvre-Picard), zu denen sich später im beschädigten Haus der entwurzelten Familie noch die lüsternen Schwestern Angela (Mireille Lebel in blutiger Unterwäsche), Hedy (Marisol Montalvo im schwarzen Badeanzug) und Iris (Lini Gong als asiatische Lolita) gesellen.
Wie stets in Händl Klaus' Texten reden die Figuren aneinander vorbei und fallen sich dauernd ins Wort. Nichts wird ausgesprochen, alles nur angedeutet, so dass offen bleibt, ob der Horrortrip aus Verzweiflung und Sehnsucht, Gewalt uns Sex, Wahn und Lust sich real oder nur in den Fieberfantasien des verstörten Arztes ereignet. Diese Leerstelle des Textes hätte Parras Musik füllen, klären, ins Innere der Figuren oder ganz ins Bodenlose treiben müssen. Leider bleibt sie -auf hohem Niveau - zwischen Geräuch und Melos, heftigen Ausbrüchen und filigranen Lyrismen zu selbstbezüglich, zu wenig theatralisch. Dabei weis Parra eloquent, ja durchaus textverständlich für Stimmen zu schreiben. Und geradezu betörend die vokalen Exaltationen der Schwetstern, deren verführerische Aufdringlichkeit er handfest mit Zitaten von Wagners Rheintöchter-Trio oder Schumanns 'Mondnacht' untermalt. Das Damen-Trio, allen voran Mireille Lebel, brilliert hier mit einer stimmlichen Perfektion, wie man sie nicht alle Tage erlebt, die Herren stehen dahinter kaum zurück. Das von Peter Rundel souverän durch die hochkomplexe Partitur geleitete Radio-Sinfonieorchester Stuttgart war allerdings für den Klang etwas unglücklich im Hintergrund der dreistöckigen Holzinstallation plaziert, die Susanne Gschwender, fast die Bühne füllend, bis über den Orchestergraben gewuchtet und dabei so verdreht hatte, dass einem Teil des Publikums oft die Sicht auf das Geschehen verwehrt blieb. [...]"
Uwe Schweikert, OPERNWELT (7.2015)


"[...] Hector Parra unterstreicht die Spannung der aggressiven Handlung, bringt aber auch Entspannung und geradezu lyrische Momente hervor. [...] Fazit: Aufrüttelnd
Zusammenfassend ist WILDE ein Stück über die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse: Durst, Hunger, Hitze, Sexualität, Heilen und Geheiltwerden. Umgesetzt in einem aufrüttelnden Theaterstück durch engagierte Akteurem unter der kompakten Regie von Calixto Bieito und Barbora Horáková Joly und mit einem logistisch grandiosen dramaturgischen Schachzug: das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, geführt von Peter Rundel, sitzt links rückwärtig auf der Bühne und kommt somit gut hörbar aus dem Hintergrund, lässt aber der Handlung den Vortritt."
LOKALMATADOR (5.2015)


"[...] Eine surreale Parabel, in der Gunter als Erlöser angesehen wird. Doch er erleidet eine Art Martyrium, das Calixto Bieito als Imitatio Christi inszeniert. Hèctor Parra hat eine starke Musik geschrieben, die ihre Herkunft aus der Tradition nicht verleugnet. Der zweite Akt baut fast vollständig auf der Melodie von Schumanns "Mondnacht" auf, allerdings so orchestriert wie Wagners zweiter "Tristan"-Akt.
Das groß besetzte RSO-Stuttgart zaubert postromantische Klänge ebenso wie es mit Schlagwerkattacken losstürmt. Peter Rundel am Pult sorgt für konzentriertes Spiel und umhegt die Sänger: Großartig Countertenor Bernhard Landauer, der atemberaubende Koloraturen und Verzierungen makellos meistert. Seinen energischen Bruder gab der Tenor Vincent Lièvre-Picard. Bariton Ekkehard Abele übernahm die Rolle des Gunter. Eine ganz andere Stilrichtung: expressiv, an Alban Berg erinnernd die Musik von Parra. Abele setzt das großartig um. Die drei Schwestern sangen vorzüglich: Marisol Montalvo, Lini Gong und Mireille Lebel. Den taubstummen Vater verkörperte eindringlich Ernst Alisch. [...]"
Thomas Rothkegel, SÜDWEST PRESSE (5.2015)


"[...] In der für ihn so charakteristischen, fragmentierten Sprache voller An- und Bedeutungen hat Händl Klaus zum dritten Mal für Schwetzingen ein Libretto geschaffen. "Wilde" ist eine große Auseinandersetzung mit dem Trauma der Herkunft und des Handelns im eigenen Leben. [...]"
SWR2/Festivals (5.2015)


" [...] Wilde ist ein starkes Stück" lautete die Einschätzung von Kulturexperten über die Opern-Uraufführung im Rokokotheater, inszeniert von Calixto Bieito. Die Komposition stammt von dem spanischen Komponisten Hèctor Parra, dessen musikalisches Schaffen im Fokus des zeitgenössischen Festivalprogramms stand."
Z.G., SCHWETZINGER ZEITUNG (5.2015)


DAS GEOPFERTE LEBEN (2013/2014)


“Truly sensational” Frankfurter Allgemeine Zeitung

“A miraculous synthesis” Süddeutsche Zeitung

“A thrilling listening experience” Die Welt

“A masterpiece” Salzburger Nachrichten

“A triumph” Badische Zeitung

“A strong finale” Merkur

"His music immediately catches” Stuttgarter Nachrichten

“Very advanced, imaginative and refined” Opernwelt

“One of the Premieres of the Year. Nothing on this music is theoretical. The quotes are very artfully woven into their own sounds, symbiotically enmeshed in it” Das Jahrbuch 2014/Opernwelt

“Technically masterful, sonically fascinating” Die Deutsche Bühne

“An exclamation point at the end of an era!” Concerti

“The best vocal impression of this year's Biennale” Oberbayerisches Volksblatt

“As amazing as compelling” Abendzeitung München

“This is just as charming as unusual. Exuberant applause for the successful fusion of old and new music” Südkurier

“Refined and fascinating, modern and timeless” Neue Musikzeitung

“The climax of the last Biennale curated by Perer Ruzicka” Scherzo

“New music and baroque instrumental practice merge into a meaningful unity” Neue Zürcher Zeitung

“Hèctor Parra takes on the challenge with a stunning high-mindedness” Resmusica

“His best stage work” Audioclásica

“Explores the tradition without sacrificing the resources of contemporary music” El País

“The composer Hèctor Parra, in collaboration with the French author Marie NDiaye spun a psychological subtle and highly poetic work. Deeply sensual” Münchner Feuilleton

“It reveals moments of haunting depth” Lahrer Zeitung

“Master of the modern opera singers: composer Hèctor Parra” Concerti.de

“The shimmering sound like the beating wings of a dragonfly in the midday heat” Der Neue Merker


"[...] Hèctor Parra, Jahrgang 1976 und einer der einfallsreichsten und virtuosesten unter den jüngeren Komponisten, lässt das in seiner immer dezent Heiterkeit mit Abgrund mischenden Musik offen. Vergangenheit und Zukunft sind in den Klängen schon deshalb immer gleichzeitig präsent, weil im Orchestergraben sechs Musiker des Freiburger Barockorchesters und sieben des auf Neues spezialisierten Ensemble Recherche zusammenspielen. Historische Instrumente stehen gegen neue, die modern Stimmung gegen die fast genau einen Halbton tiefere Barockstimmung. Aber kein Gegeneinander dieser so verschiedenen Welten strebt Parra an, sondern eine Synthese, die ihm wundersamerweise auch ganz leicht gelingt. Niemand wird sich bei diesem endlosen Fluss betörender Klänge fragen, ob dass jetzt Avantgarde oder Tradition sei. Denn Parra gelingt etwas Eigenes, dem nichts Provozierendes oder Abstoßendes anhaftet.
Sollte Ruzicka mit „zweiter Moderne“ solche Klänge gemeint haben, dann kann er sich nach neuneinhalb Biennale-Ausgaben (eine veranstaltete er zusammen mit seinem Vorgänger Hans Werner Henze) nun zufrieden zurückziehen. Ob er es sich allerdings je erträumt hat, dass das zugleich das Ende all jener heroischen, elitären, verquasten und verschreckenden Ansätze der Avantgarde bedeuten würde?
Drei Frauen singen sich den Teufel aus dem Leib für einen schwachen Mann
Dafür ist Parras Stück der beste Beleg. Hier wird ganz handfest wie in der Barockoper eine an der Oberfläche durchaus nicht realistische Geschichte erzählt. Die Frauen, die wundervoll Inniges mit Exaltiertem verbindende Sally Wilson und die handfest direkte Sigrun Schell als Mutter klagen – da kommt der Mann zurück. Im Jenseits hat es ihm nicht gefallen, er kriegt von Frau Tod noch eine Chance aufs Diesseits. Falls die Frauen ihre Liebe zu ihm singend beglaubigen können. Meist begleitet von dem wunderbaren Andreas Arend auf der Theorbe, einer um etliche Basssaiten erweitertenLaute, singensichdie Frauen den Teufel aus dem Leib. Sie können damit durchaus das Publikum, aber nicht Lini Gongs Frau Tod überzeugen.
Spätestens an diesem Punkt bricht sich der weibliche Blick von Marie NDiaye Bahn. Drei starke Frauen kämpfen hier um einen Mann, der wie so oft in der Wirklichkeit ein Jammerlappen ist. Alejandro Lárraga Schleske lässt daran keinen Zweifel.
Was tun, wenn sich drei Grazien um einen Mann streiten? Die Frau will partout nicht verzichten, Frau Tod kriegt ihn irgendwann sowie so, und die Mutter hat ihren Sohn schon oft verloren: Aus dem Baby wurde ein Bub, wurde ein Junge, ein Mann, ein Ehemann . . . Also stirbt sie für den Sohn, in der eigennützigen Hoffnung, dort im Jenseits wieder auf ihr Baby zu stoßen.
Spätestens jetzt wird aber die Klamotte sichtbar, die Regisseurin Vera Nemirova bisher hinter dem Ernst des Mythos versteckt hatte. Während Komponist Parra in keinem Moment mit großer tragischer Geste komponiert. Seine nie tragische, aber immer detailreich unaufdringliche Musik erkennt den unaufhaltsamen Fluss des Lebens an, der sich wenig schert um Individuen, sondern nur das Recht auf einen anderen Körper formuliert.
Vielleicht ist das auch der richtige Weg für die Biennale, auch in zwei Jahren, wenn sie unter Leitung der Komponisten Daniel Ott und Manos Tsangaris fortgesetzt wird: einen breiten Strom an Opernuraufführungen am Leben erhalten, gleichzeitig sich von allen alten Konzepten und Ideologien verabschieden und auf Vielfalt setzen – ohne Angst vorm Banalen, Erprobten oder angeblich Abgelebten. Gerade Parras Oper beweist, dass das alte Erzähltheater sehr wohl noch geht, dass der Zusammenschluss des anscheinend Unvereinbaren Neues gebären kann und dass Unterhaltung schon immer erster und bester Anspruch der Oper war. Da ist jetzt auch die Biennale (wieder) angekommen, und das ist doch ein beachtliches Vermächtnis."
Reinhard j. Brembeck, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG


"Ein Abschied mit Pauken und Trompeten: Peter Ruzicka verlässt die Münchner Biennale für Neues Musiktheater und hinterlässt
ein gut bestelltes Feld.
In Hèctor Parras Oper „Das geopferte Leben“, der letzten Uraufführung der Münchner Biennale, endet der Versuch, dem Dilemma des Todes zu entkommen, wie in einer feministisch gefärbten Tragi- komödie. Eine verdrehte Orfeo-Ge- schichte: Kaum ist ein Monat verstrichen, kehrt der tote Gatte zurück aus dem Reich der Toten, heim zu Tisch und Bett von Frau und Mutter. Ihm fehle die Liebe, jammert er. Außerdem sei es dort im Reich der Schatten leer und langweilig. Doch Madame La Mort, die ihm gefolgt ist, bietet ihm einen Deal an. Wenn die Liebe einer der Frauen stark genug sei, stärker als der Tod, dürfe er bleiben. Das Gerangel endet überraschend mit dem Opfer der Mutter, der Sohn, schuldbewusst, will es nicht annehmen. Und ohne Aussicht auf eine erfüllte gemeinsame Zukunft muss er nun bei seiner Ehefrau ausharren und warten, bis ihn Ma- dame La Mort ein zweites Mal holt.
Dieses Finale wurde zur Überraschung. Parras Komposition ist ein wahrhaft sensationelles Gemeinschaftsexperiment, gestemmt vom ensemble recherche und vom Freiburger Barockorchester: eine verzaubernde, irritierende Melange aus alter und neuer Musik. Frei hinweg über musikalische Sprachgrenzen wird der utopische Wunsch thematisiert, die unaufhebbare Distanz zwischen Tod und Leben, Vergangenheit und Gegenwart zu überwinden. Was im zweiten Leben des Mannes am Ende der Handlung miss- lingt, nämlich aus der Vergangenheit eine Brücke zur Liebe zu schlagen, wird von der Musik, allem Scheitern zum Trotz, immer wieder anvisiert: als ein Versprechen.
Die musikalischen Erinnerungsräume, die der Komponist mittels einer Aktualisierung barocker Musik in die Partitur setzt, mobilisieren eine ungewöhnliche Zeiterfahrung. Souverän verschränkt und überlagert Parra, ein Ircam-Komponist mit Erfahrungen der elektronischen Klangformation, die Klangsprachen alter und neuer Musik, als würden die Zeiten, die sie trennen, sich verflüssigen. Da setzen sich plötzlich Irrlichter auf das Spiel der Basslaute, ziehen in ihrem Gefolge farbige, dissonante Klangspuren durch den verhaltenen, dunkel getönten Monteverdi-Sound, wenn die Frau in ihrem großen Monolog über frustrierende Mühen um eheliche Partnerschaft erzählt.
Das Doppelorchester unter exzellenter Leitung von Peter Tilling schwirrt und rauscht mit Klangaktionen, die den Furor der Affekte ins Geräuschhafte verschieben. Lini Gong als Madame La Mort schleudert Girlanden abenteuerlicher Koloraturen in den Bühnenraum. Ebenso fabelhaft agieren die beiden Frauen, Sally Wilson als lyrischer und Sigrun Schnell als dramatischer Sopran im Wettstreit um den erst resignierenden, schließlich verbitterten Mann (Alejandro Lárraga Schleske), der all die Aufregung gar nicht verdient, weil er immer nur haben will, aber nicht geben kann."
Barbara Zauber, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG


"Schöne Klänge! [...] Die wohlgesetzte Harmonie: Diese führt beispielsweise beim Komponisten Hèctor Parra dazu, dass gleich zwei Orchester ein Ensemble bilden. Die Spezialisten des Freiburger Barockorchesters und jene des "modernen" ensemble recherche spielen gemeinsam; jedes in seiner Stimmung. Und im souveränen Umgang mit dem Material um der perfekten Balance der Komposition und ihrer feinen Poesie entsteht ein Meisterwerk: "Das geopferte Leben".
Die Faszinieren eigensinnige Verschmelzung leuchtend eleganter barocker Gesten in Stimmen und instrumenten und packend expressiver Klangsinnlichkeit: das ist das Zeichen für eines der besten Werke nicht nur dieser 14. Biennale. […]"
Karl Harb, SALZBURGER NACHRICHTEN


"Très récemment applaudi aux Bouffes du Nord pour la création de son monodrame Te craindre en ton absence, Hector Parra, qui a le vent en poupe, présentait à la Biennale de Munich son troisième ouvrage scénique, Das Geopferte Leben (« La vie sacrifiée ») une commande du Festival bavarois en co-production avec le Théâtre de Freiburg. L’ouvrage est né d’un projet très singulier. Il s’agissait en effet de réunir dans la fosse d’orchestre l’Ensemble Baroque de Freiburg et l’ensemble Recherche voué à la création contemporaine, deux phalanges aujourd’hui mondialement célèbres qui, depuis 2012, et dans un esprit de convivialité stimulante, travaillent côte à côte dans l’Ensemblehaus. Cette maison fribougeoise, qu’ils gèrent en commun, leur permet de répéter, d’animer des ateliers, d’organiser des rencontres publiques et de faire « vivre ensemble » deux univers sonores moins éloignés qu’il n’y parait. Restait à concevoir l’idée, jamais encore aboutie, de les faire fusionner au sein d’un projet compositionnel. Voilà de quoi stimuler l’imaginaire foisonnant du compositeur catalan Hector Parra qui relève le défi avec une hauteur de vue confondante. [...]
Regardant vers le modèle baroque, dans la richesse de ses composantes et l’exubérance de son arabesque vocale, Hector Parra déploie les ressorts d’une ligne vocale qu’il n’avait encore jamais exploitée avec un tel lyrisme. Il conçoit pour les quatre personnages une partie chantée très exigeante dont les détours ornementaux relèvent de la virtuosité haendélienne autant que straussienne; il confie à « La Mort » une partie de colorature hallucinée – éblouissante Lini Gong – qui sert très pertinemment la dramaturgie. Les quatre chanteurs appartenant tous à la troupe du Théâtre de Freiburg stupéfient par leur engagement tant scénique que vocal pour maintenir durant toute la durée du spectacle (1h40 de haute tension) l’énergie engagée par l’écriture du compositeur. Le baryton mexicain Alejandro Lárraga Schleske, immense, évolue avec une autorité vocale et un abattage scénique – le coït musclé avec « Der Frau » faisant foi! – très spectaculaires. La mezzo-soprano australienne Sally Wilson assume au sein de son rôle plusieurs registres expressifs, faisant valoir l’aisance d’une voix flexible et bien timbrée: son dernier air, Es ist Vollbracht, hommage consenti à la Passion selon Saint-Jean de JS. Bach, atteint une profondeur émotionnelle très singulière. Mère névrotique dont les révélations sont autant de ressorts de l’action, Sigrun Schell/Die Mutter, vaillante soprano allemande atteint parfois le registre de colorature lorsqu’elle se confronte à La Mort. Lini Gong, déjà citée, est une sorte de Reine de la Nuit très magnétique, jouant du violon, voire du violoncelle sur le dos de sa victime. Elle hypnotise son monde par ses délires vocaux assumés par la chanteuse chinoise avec une brillance et un panache sidérants.
Omniprésent et réglé au cordeau – même si l’on pouvait regretter l’absence de fosse à Freiburg – l’orchestre est la part inouïe de cette partition. Sept musiciens du Freiburger Barockorchester (violons, violes de gambe, violone, harpe chromatique et autre théorbe…) jouant au diapason 415 et dans leur tempérament mésotonique) devancent le groupe des sept musiciens de l’ensemble Recherche intégrant la clarinette contrebasse et un pupitre de percussions particulièrement sonore et diversifié. Hector Parra dit avoir traité l’ensemble comme un méta-instrument envisagé dans un spectre sonore élargi. Plusieurs interludes mettent en valeur les sonorités hybridées et luxuriantes d’un orchestre dirigé de main de maitre par Peter Tilling. Très active au sein du dispositif vocal et sans cesse régénérée, l’écriture instrumentale est agent des tensions et détentes du mouvement dramaturgique. Ainsi le théorbe, sous les doigts de Andreas Arend, est-il plusieurs fois soliste, sorte de « continuo » dûment écrit pour créer des moments d’intimité lorsque, par exemple, « La femme » passe aux aveux: « je suis faible et peu glorieuse » … Le compositeur crible sa partition de citations/couleurs empruntées à Monteverdi, Vivaldi, Haendel et Bach, confrontant de manière très assumée consonances post-modernes et textures bruitées qu’il affectionne.
On est frappé par la pluralité d’une écriture flamboyante autant que contrôlée, qui renouvelle d’autant l’écriture d’un compositeur toujours à l’affût, exprimant ici, à sa manière inventive et prospective, sa passion pour l’opéra baroque."
Michèle Tosi, RESMUSICA


"Hübsch ist der Tod. Sexy, ob im Pailletten-Fummel oder im Weisskittel als Dottoressa Mirakel. Vor allem aber: Er ist die Heisse Affäre jenes Mannes, der nun aus dem Schattenreich zurückkommt - und vielleicht, wenn die Liebe der im Diesseits verbliebenen Mutter oder seiner Gattin stark genug ist, wieder unter die Lebenden darf. Ein Mann, drei Frauen, man ahnt es schnell, dass ein Happy End geben kann. Ein wenig hat es gedauert, 14 von 17 Festivaltagen, um genau zu sein, dann war der Erfolg da. Eine Uraufführung mit doppelter Finalwirkung. "Das geopferte Leben" , dieser umgekrempelte Orpheus-Mythos von Hèctor Parra, war nicht nur die letzte Produktion des diesjährigen Münchener Biennale, sie markierte zugleich das ende der Ära von Peter Ruzicka. Vieles könnte man folglich in der Neunzigminüter, der mit Barockem und Modernem jongliert, hineingeheimnissen, Gründsätzliches, Bilanzierendes. Und einem solchen leisen Denker wie Ruzicka ist zutrauen: Genau das hat er auch beabsichtigt. [...]
Für "Das geopferte Leben" vertraute er nicht nur auf Komponist Hèctor Parra sondern auch Promi-Autorin Madie NDiaye. [...] Freiburger Barockorchester und Ensemble Recherche reichten sich im Graben des Carl-Orff Saals die Hand. Der Rückgriff aufs Barocke sprach aus jeder Partiturseite. Koloraturstrecken, Verzierungen, Arioses, aufgeraute vorklassische Harmoniewendungen, eine sehr avancierte, fantasievolle, beide orchester raffiniert nutzende Musiksprache. Die solisten des koproduzierenden Freiburger Theaters bescherten des besten Vokaleindruck des Festivals. Dass Regisseurin Vera Nemirova das Geschehen mit kopulationsgymnastik und Spiessbürgersatire zu sehr ins Groteske trieb: geschenkt."
Markus Thiel, OPERNWELT


Uraufführungen des Jahres/Opernwelt Jahrbuch 2014
"Komposition ist ebenso in die Zukunft projizierte Neuschöpfung wie auch Interpretation der gesamten Vergangenheit der Musik – ob der Komponist das will oder nicht», schrieb Hans Zender in einem 2012 veröffentlichten Aufsatz über das «Komponieren heute». In Hèctor Parras bei der Münchener Musiktheater Biennale uraufgeführten Oper «Das geopferte Leben» (siehe OW 7/2014), einer Kooperation mit dem sich ebenfalls durch große Aufgeschlossenheit allem Neuen gegenüber auszeichnenden Musiktheaterensemble des Theaters Freiburg, ist dieses Wollen Grundbedingung. Nicht, dass das Aufeinandertreffen von alter Musik und musikalischer Moderne eine Entdeckung der jüngsten Gegenwart wäre – schon Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts wie Ernst Krenek reflektierten über Berührungspunkte zwischen Epochen, die extrem weit auseinander liegen. Auffallend aber ist seit Jahren die musikalische Neugier von Spezialensembles. Mustergültig spiegelt sich das in den beiden nicht nur durch ein gemeinsames Domizil miteinander verbundenen Freiburgen Klangkörpern ensemble recherche und Freiburger Barockorchester. Für diese hat der katalanische Komponist seine Reflexion auf den antiken Orpheus-Mythos geschrieben. Das mag auf den ersten Blick verwundern, hat sich der Ernst-von-Siemens-Förderpreisträger von 2011 und Kompositionprofessor am Pariser IRCAM (seit September 2013) doch nicht zuletzt einen Namen durch die intensive Auseinandersetzung mit elektroakustischen Klangarchitekturen gemacht. Un doch bleibt sich der Komponist treu. Im Umgang mit dem musikalischen Material lässt Parra nämlich stets, wie Markus Böggemann schreibt, “die sinnliche Fülle der verstreichenden Gegenwart erfahrbar werden”. Von der historisch informierten Aufführungspraxis hat er sich ganz im diesem Sinn inspirieren lassen. “Das geopferte Leben” ist ein Musiktheaterstück, in dem sich die “verstreichende Gegenwart” auf eine gegenwärtige Vergangenheit und deren Mittel bezieht, etwa die Affekte oder die Klare Trennung zwischen Melodik und Tektonik in der Barockmusik.
Der Produktionprozess dieser Oper war begleitet von einer intensiven Auseinandersetzung Parras mit den Aufführungspraxen des Freiburger Barockorchesters, natürlich auch der ensemble recherche, von vielen Gesprächen mit den Musikern. Die Tatsache, das der Komponist die beiden Klangkörper in seiner Partitur um einen Halbton gegeinander “verstimmt” hat, ist in den zahlreichen Besprechungen der Aufführungen am Münchener Gasteig und in der Interims-Theaterhalle in Freiburg besonders hervorgehoben worden. Dem sei entgegnet: Wenn man nicht wüsste, dass die Ensembles in interschiedlichen Stimmungen spielen, man würde es kaum wahrnehmen.
Nichts am dieser Musik wirkt theoretisch; und auch wenn Parra mit Zitaten aus Werken des Barock arbeitet –von Monteverdis “Orfeo” und “Poppea” über Händels “Admeto” und “Giulio Cesare” bis zu Vivaldis “Quatro stagioni” und Bachs “Matthaus-Passion”-, so hat man nicht das Gefühl, das hier musikalisches Material ausgeschlachtet wird.
Zum einen sind die Zitate überaus kunstvoll in die eigenen Klänge hineingewoben, ja symbiotisch in sie verstrickt, zum anderen stiftet sie eine inhaltliche Struktur. Das begin mit der kurzen instrumentalen Einleitung im Duktus eines Wiegenliedes und eines Trauergesangs –und schliesst mit einem zerbrechlichen, lyrischen gesang, “Lullaby rhythm”, nennt ihn der Komponist. Ein melancholisches Stück über den umgekehrten Orpheus-Mythos, in dem –das poetische Libretto stammt von der französischen Schriftstellerin Marie NDiaye –die zentrale Frage nach dem Sinn des Sich-Opferns so eng an barocke Lamento-Praxis gekoppelt wird wie an die Auflösung traditioneller Klangbegriffe. Parras kunstgriff besteht, frei nach Hans Zender, in der verschränkung scheinbar gegensätzlicher Modi: in Neuschöpfung und Interpretazion."
Alexander Dick, DAS JAHRBUCH OPER 2014/OPERNWELT


"[...] Parra bekennt sich ausdrücklich dazu, dass er den zunächst auf Französisch geschriebenen Texten in der deutschen Übersetzung von Claudia Kalscheuer komponiert hat. Die deutsche Sprache sei seiner musikalischen Diktion besonders angemessen. Das ist auch insofern hilfreich, als damit für deutsche Zuschauer das historische Spannungsfeld sehr unmittelbar spürbar wird, das Parra durch den Verweis auf den Ursprungsmythos der Oper einerseits und den gegenwartsnahen Sprachstil der Figuren andererseits aufspannt. Und dieses Spannungsfeld von nicht weniger als 400 Jahren Operngeschichte prägt auch die musikalische Struktur zutiefst. Parra hat seine Partitur für zwei verschiedene Ensembles geschrieben: ein Barockensemble (Violine, Viola da braccia, Gambe, Violone, Barocklaute und Barockharfe), gestimmt auf 415 Hz; und ein modernes Ensemble (Flöte, Klarinette, Oboe, Schlagwerk, Violine, Viola, Violoncello), gestimmt auf 440 Hz. Das macht einen Halbton Unterschied, den man deutlich hört, zumal beide Gruppen, das ensemble recherche und das Freiburger Barockorchester, gemeinsam im Orchestergaben des Carl-Orff-Saals im Münchner Gasteig eng beieinander sitzen.
Wie Parra mit dieser Differenz spielt, ist satztechnisch meisterlich, klanglich faszinierend und strukturell weit davon entfernt, nur auf wohlfeile Kontrastwirkungen zu setzen. Vielmehr bezieht er sehr gezielt zeitgenössische und barocke Schreibweisen aufeinander. Letztere sind zwar eher dem Mann und der Frau zugeordnet und erstere der Todin sowie mit deren zunehmender Entschlossenheit zum Opfer auch der Mutter. Aber indem Todin und Menschen miteinander in Interaktion treten, werden auch im Orchester barocke und zeitgenössische Figuren gleichsam enggeführt: Sie alternieren, schieben sich ineinander, gehen von einer auf die andere Gruppe über. Und an der Behandlung der Singstimmen wird noch klarer deutlich, dass Parra offenbar eine strukturelle Wesensverwandtschaft sieht zwischen der barocken Koloratur und den wildgezackten Vokalisen der neuen Musik, die er vor allem für die Todin geschrieben hat. Wenn hier einerseits die „barocke“ Sentimentalität der Frau scheitert und andererseits die „zeitgenössische“ Todin am Ende das Opfer annimmt und in die Unterwelt zurück muss, dann kann man das, abgesehen von der Frage nach der Glaubwürdigkeit traditioneller Liebeskonzepte, auch als musikalische Verhandlung über die Zukunft der Opernmusik verstehen, die Parra offenbar in einer Synthese aus (in diesem Fall barocker) Tradition und Avantgarde sieht. [...]"
Detlef Brandenburg, DIE DEUTSCHE BÜHNE


"No podría haber deseado mejor despedida Peter Ruzicka. Para tal ocasión fue un punto culminante su última Bienal del Nuevo Teatro Musical de Múnich, que lo tuvo como director responsable. El vencedor resultó ser Hèctor Parra con cinco grandes funciones de su ópera de cámara 'La ofrenda de la vida'. Es la cuarta obra escénica del compositor catalán, de la cual destaca su música. La idea fundamental es una tensión entre dos orquestas: una barroca y el Ensemble für Neue Musik. De un lado Parra entreteje el sonido de los intrumentos originales con un canturreo susurrado. Del otro, los intrumentos modernos amplían la resonancia de los antiguos. La idea no es nueva pero Parra aprovecha el encuentro para probar que lo nuevo y lo viejo pueden disolverse en una unidad. El Ensemble Recherche y la Orquesta Barroca de Friburgo fueron estructurados con virtuosismo por Peter Tilling. [...]"
Marco Frei, SCHERZO


"Freiburger Musik-Triumph in München: Die Oper "Das geopferte Leben. [...]
Es ist ein großer ästhetischer Entwurf, den der katalanische Komponist und die französische Schriftstellerin Marie NDiaye da hingelegt haben. Eine Oper, die bewusst Oper sein will und nicht einfach Musiktheater. Eine Oper der klassischen Stoffe, die Kulinarik nicht meidet, sondern stattdessen bewusst nach neuen ästhetischen Utopien sucht. Dass gleich drei Freiburger Ensembles Geburtshelfer dabei sein dürfen, ist von wirklich herausragender Bedeutung. Denn das Zusammenwirken von Theater Freiburg, Ensemble Recherche und Freiburger Barockorchester ist für die Uraufführung im Carl-Orff-Saal des Münchner Gasteig sozusagen Grundbedingung. Parras Partitur schöpft ihre Kraft aus der Verbindung barocker Aufführungspraxis mit den Topoi zeitgenössischer Musiksprache. Das klingt viel theoretischer, als es ist, und genau das macht die Kraft dieses Werks aus. Wenn man nicht wüsste, dass die Ensembles in zwei, um einen Halbton differierenden Stimmungen spielen, man würde dessen nicht bewusst gewahr. Nichts an dieser linearen, sinnlichen Musik wirkt (de-)konstruiert, theoretisch; und wenn Parra mit Zitaten aus Werken des Barock, von Monteverdi über Händel bis Vivaldi und Bach, arbeitet, so hat man nie das Gefühl, dass hier einfach nur musikalisches Material herangezogen wird. Zum einen sind die Zitate kunstvoll in die eigenen Klänge hineingewoben, so eng mit ihnen verstrickt, dass das einen symbiotischen Zustand schafft; zum anderen stiftet ihre Verwendung inhaltliche Struktur. Das "Es ist vollbracht"-Lamento aus Bachs Matthäuspassion etwa am Ende der knapp anderthalbstündigen Kammeroper auf den – eben nicht von Liebe getragenen – Opfergang der Mutter wirkt in dieser verfremdeten Umgebung wie eine Utopie, die vor allem eines zeitigt: Fassungslosigkeit.
Ein Triumph für Freiburgs Kulturszene:
Parra verleiht seiner Musik auch stark an der Tradition orientierte formale Strukturen; da ist zum Beispiel eine Chaconne, eine großangelegte Ostinato-Form, die die Klage der Mutter darüber, dass sie ihren Sohn über dessen verschiedene Lebensabschnitte immer wieder von Neuem verloren habe, mit großem musikalischen Gewicht begleitet. Und auch die vokale Sprache beschwört historische Assoziationen herauf; die artifiziellen Koloraturen des Todes suggerieren besonders stark barocke Klanglandschaften, ohne diese einfach zu imitieren. Im Übrigen komponiert Parra am aus dem Französischen ins Deutsche übertragenen Text mit großer Lust am Sprachexperiment, am Verfremden von Rhythmus und Metrum. All das findet seine geradezu aufwühlende Realisation durch die im Orchestergraben auch räumlich miteinander verzahnten beiden Freiburger Ensembles. Peter Tilling leitet mit großer Übersicht, Sinn fürs Detail und Leidenschaft am Klang. Die Musikerinnen und Musiker setzen das so perfekt um, dass ihre aus dem Disparaten entstehende Einheit ein aufs andere Mal verblüfft. Und das Schwärmen geht weiter bei den Vokalsolisten. Man sollte sich hüten, nur den artistischen Aspekt an den Koloraturen zu bestaunen, die Lini Gong in der Rolle des Todes hinzaubert. Aber die Klarheit ihrer Diktion, ihre Intonationsschärfe und ihr expressiver Ausdruck sind einfach unglaublich. Alejandro Lárraga Schleske verleiht der Figur des Mannes vielschichtige Präsenz; sein lyrischer Bariton fokussiert ihr Hin- und Hergeworfensein mit warmem – menschlichem – Timbre äußerst glaubwürdig. Das gilt auch für Sally Wilsons Gestaltung der Partie der Ehefrau; gerade bei den beiden Schlussmonologen berührt ihr schlanker, leuchtender Sopran ungemein. Und Sigrun Schell schafft es, die Ambivalenzen der zwischen höchstem dramatischen Ausdruck und lyrischer Verinnerlichung angelegten Mutterpartie sensibel herauszuarbeiten; dieses Gebrochensein macht sie zur spannendsten Figur im Stück. [...] In München aber ist es ein Triumph der Musik. Man könnte auch sagen – einer für Freiburgs Kulturszene."
Alexander Dick, BADISCHE ZEITUNG


"[...] El texto de NDiaye –que revisita con una notable carga de neurosis el mito de Orfeo– es netamente teatral, y las líneas vocales elaboradas por Parra apuntalaban la calidad de su declamación. La evolución de las voces ha sido eficazmente planeada por el compositor catalán: desde una primera contención avanzaban hacia una cierta forma de histeria, enfatizando de este modo el arco dramático planificado por la escritora. Merecen a este respecto ser destacados los roles de Lini Gong y de Singrun Schell, las dos grandes cantantes de la noche. La primera arriesgó valientemente en los intrincados melismas que Parra le propuso, logrando emocionar a un público que le otorgó el aplauso más sonoro de la velada. A todo lo anterior se añadía además un logrado trabajo en la dirección dramática –gracias a Vera Nemirova –, de modo que la obra avanzaba con enorme fluidez: no hubo caída de interés a lo largo de la hora y media que dura, algo que no se puede decir de muchas creaciones actuales de similar formato. 


La fusión en un mismo elenco de instrumentos modernos con aquéllos de la música antigua –con numerosos precedentes en el repertorio actual, piénsese por ejemplo en José María Sánchez-Verdú o en Liza Lim– dio igualmente buen resultado. Parra otorgaba a los instrumentos barrocos su espacio de expresión –especialmente en torno a las citas que tomó prestadas– ligado a las prácticas instrumentales de su época, y al mismo tiempo ha sido capaz de adaptar la técnica de éstos –no es lo mismo un arco moderno que uno barroco, por ejemplo– para lograr un acertado empaste en los tutti. A nivel instrumental, destacaríamos la refinada belleza del pasaje que antecede a la última escena de la obra. Merece además ser subrayada la entrega del tiorbista Andreas Arend, el intérprete más aclamado por el público al final del espectáculo.


La inserción de citas barrocas en la obra exige un comentario especial, ya que supone un contraste inédito en el catálogo de Parra. Desde el pasticcio del pasado hasta el empleo reciente de la cita en un contexto de corte más posmoderno, la ópera se ha mostrado como un género altamente propicio para vehicular originales tropos y travestir músicas del pasado. En el caso presente, su aditamento es bastante fiel los materiales tomados como préstamo –Händel, Vivaldi, ¡Bach incluso!– aunque revestidos y empastados mediante los recursos propios de Parra, y no exentos de un cierto humor que rozaba lo neurótico pero sin caer en lo grotesco. Este posicionamiento le acerca de alguna manera –salvando las distancias estéticas –a Bernhard Gander o a Olga Neuwirth más que a otras estrategias análogas cuya presencia hoy en día es habitual ante un presupuesto artístico semejante. Y dicha elección es de agradecer: francamente, frente a las estilizadas recreaciones históricas mediante técnicas extendidas –tan queridas y calcadas hasta la saciedad por algunos epígonos de Lachenmann y Sciarrino– que pueden parecer hoy en día una práctica autoritaria –casi pedante– en manos de un compositor joven o en su primera madurez, un uso menos hierático y más desenfadado de la cita se presenta como savia fresca.
 [...]
En definitiva, con Das geopferte Leben Hèctor Parra ha logrado según nuestro criterio su trabajo escénico más redondo, en el que los elementos participantes –música, texto, espacio escénico y dramaturgia– dialogan con mayor naturalidad entre ellos y proporcionan un resultado artístico altamente unitario e imbricado. Además, esta cohesión no implica que el discurso fuese monolítico: la obra se muestra plástica y versátil en su transmisión de emociones de cara al público, sin necesitar el sacrificio de ninguno de sus aspectos para con ello enfatizar otros. No es de extrañar por tanto que la respuesta del público fuese desbordante, con prolongados minutos de aplauso a todos los miembros del equipo. Confiemos en que esta ópera de cámara, gracias a sus dimensiones relativamente asequibles en términos económicos, pueda ser exportada en un futuro a Francia –donde reside desde hace años el compositor– y a España. La obra lo merece.

José L. Besada, AUDIOCLÁSICA


"Erlösungswonnen, lieblich mild: Hèctor Parras Oper „Das geopferte Leben“ zum Abschluss der Biennale für Neues Musiktheater im Carl-Orff-Saal am Gasteig. [...] Erträglich wird das alles nur durch Parras rauschhafte Musik, die mit dem ensemble recherche und dem Freiburger Barockorchester alte und neue Instrumente zusammen-bringt. Das ist so verblüffend wie zwingend, weil es das Kramen in der Vergangenheit sehr zwingend musikalisch illustriert und zwischen dem modernen und barocken Gesangsstil manche Gemeinsamkeit besteht. Parra zitiert bisweilen Gesten der Musik des 17. Jahrhunderts, was die Vergangenheitskrämerei so veredelt, dass sie fast genießbar wird. [...] Und auch szenisch gab es nichts Besseres zu sehen: Vera Nemirovas Inszenierung interpretiert die sehr statische Handlung mit viel psychologisch-realistischem Feingefühl. Und so ist es in der Summe doch eine Aufführung, die nicht nur Psychoanalytiker ansprechen dürfte, die den Muttertag nachfeiern möchten, sondern in ihrem Willen zum Schöngesang und den Erlösungswonnen des 19. Jahrhunderts auch ganz normale Opernbesucher."
Robert Braunmüller, ABENDZEITUNG MÜNCHEN


"Der katalanische Komponist Hèctor Parra deutet den Orpheus-Mythos aufregend neu.
Welch eine Verantwortung für einen jungen Komponisten: Nicht weniger als den Abschluss einer Ära galt es auszufüllen mit einer abendfüllenden Oper – der letzten von fünf Uraufführungen, mit denen Peter Ruzicka nun seine Intendanz der Münchener Biennale abschloss, die er anno 1988 von keinem geringeren als Hans Werner Henze übernommen hatte. Sein ganzes Vertrauen zur Gestaltung dieses symbolträchtigen Abends hatte der künstlerische Leiter des Festivals für neues Musiktheater in den katalanischen Komponisten Hèctor Parra gesetzt. Dem Druck von Erwartungen, in seinem Auftragswerk nunmehr Abrundendes, gar Abschließendes, zu sagen, hielt der in Paris lebende, frischgebackene Familienvater auf erfrischende Weise stand.
Das Verblüffende dabei: Parra, gleichermaßen geprägt durch das Pariser Labor der zeitgenössischen Musik IRCAM wie durch seine Faszination für Monteverdi und die barocke Klangsprache, geht in Das geopferte Leben auf zwei Setzungen zurück, die Festivalgründer Henze einst sowohl als Anspruch seines eigenen Opernschaffens formuliert als auch als Erwartung an die von ihm im Rahmen der Biennale präsentieren jungen Komponisten herangetragen hatte: Die Präferenz für die Literaturoper wie jene für narrative Strukturen, somit eines gleichsam klassischen Erzählens.
Der verdichtete, prägnant klare und starke Text erzählt von einem Mann, der von den Toten zurückkehrt zu Frau und Mutter. Der wiederum weibliche Tod ist bei ihm und stellt die beiden Damen vor eine prekäre Aufgabe: Wenn die Liebe einer der beiden stark genug sei, werde der Tod dem Mann im Leben lassen.
Elektra-Tragik und Salome-Trotzigkeit
NDiaye und Parra entwickeln daraus ein intensives Psycho-Musiktheater-Kammerspiel – einfühlsam in der Zeichnung der vier sehr heutigen Figuren, assoziationsreich in den Bezügen zu Opfer- und Orpheus-Mythen. Und der Komponist erweist sich als ein grandioser Seelen-Seismograph. Seine Musik gräbt sich hinein in die Abgründe dieser drei aneinander Gescheiterten. Bezeichnenderweise sind nicht das entfremdete Liebespaar, sondern die Mutter und die Todin die ausgeprägtesten Charaktere. Elektra- Tragik und Salome-Trotzigkeit im Lichte der Gegenwart neu schärfend ist Sigrun Schell in bedrückender Präsenz und vokal enorm dramatischer Brünnhilden-Schärfe eine über den Verlust des Sohnes fantastisch frustrierte Muttergestalt, die sich mit Konsequenz in ihren Opfertod für den am Leben bleibenden Sohn rettet.
Lini Gong als ruhig berechnende, erotisch ambitionierte Todin beglaubigt mit ihrem atemberaubend grenzenlosen Zerbinetta-Koloratursopran, wie nah sich „la morte“ und „l’amore“, Tod und Liebe wirklich sind. Sally Wilsons aufregend kühler, gleichwohl reicher Mezzo passt perfekt zur modernen, frei von jeder romantischen Überhöhung empfindenden Gattin. Ihren Mann empfängt sie bei seiner Rückkehr aus dem Totenreich also kaum mit offenen Armen. Alejandro Lárraga Schleske gibt ihn als anrührend introvertierten, baritonwarmen Schmerzensmann.
Ja, Hèctor Parra hat mit Das geopferte Leben eine moderne Sängeroper geschrieben. Der Gesang von blühender Emphase trifft dabei auf atmende, pulsierende, duftige, wo es sein muss auch wohldosiert wie wohl ausgehört harte Klänge aus dem doppelten Orchester. Die Verwebung von Freiburger Barockorchester und ensemble recherche nutzt der Katalane zu fesselnden, farbenschillernden Eingebungen. Und seine musikalische Genauigkeit, die Peter Tilling am Pult mustergültig umsetzt, trifft auf eine szenische Präzision der psychologischen Ausformung der Charaktere, für die Vera Nemirova verantwortlich zeichnet. Das koproduzierende Theater Freiburg darf sich glücklich schätzen über diese den Spielplan bereichernde Opernschöpfung. Die Münchener Biennale setzt ein Ausrufezeichen zum Abschluss einer Ära!"
Peter Krause, CONCERTI.DE (2014)


"Mit seiner modernen Sängeroper Das geopferte Leben feierte Hèctor Parra auf der Münchener Biennale 2014 einen großen Erfolg: Der Gesang von blühender Emphase traf auf atmende, duftige, auch wohl ausgehört harte Klänge aus dem doppelten Klangkörper. Die Verwebung von Freiburger Barockorchester und ensemble recherche nutzte der Katalane zu fesselnden, farbenschillernden Eingebungen. [...] Meister der modernen Sängeroper: Komponist Hèctor Parra"
Peter Krause, CONCERTI.DE (2015)


"Häufig kommt das Beste am Schluss. Bei der letzten Biennale für neues Musiktheater in München, die Peter Ruzicka als künstlerischer Leiter über 18 Jahre verantwortete, war das nicht anders. Das Finale schien dann endlich der Höhepunkt der diesmal fünf großen Uraufführungen: Die Kammeroper "Das geopferte Leben" von Hèctor Parra ging klar als Sieger hervor, wobei vor allem die Musik des 1976 geborenen Katalanen punkten konnte. Schon die grundsätzliche Idee garantierte ein spannendes Hörerlebnis, weil sich zwei Instrumentalgruppen begegnen ‒ eine Barockformation und ein Ensemble für neue Musik. [...] Parra hat es aber geschafft, beides sinnstiftend zu verschmelzen ‒ was das Ensemble Recherche und das Freiburger Barockorchester unter Peter Tilling virtuos ausgestalteten. [...] Die Oper von Parra, der für die Schwetzinger Festspiele 2015 ein weiteres Bühnenwerk schreibt, war ein Hörgenuss."
Marco Frei, DIE WELT


[...] Marie NDiaye hat das Libretto der Oper "Das geopferte Leben" mit wundervoller, poetischer Sprache und vielsagenden Sätzen gefüllt.
[...] In Lini Gongs Partie gipfelt eine Oper, die der Melodie im zeitgenössischen Musiktheater eine neue Chance geben will: weil sie Gefühlsträger ist und weil es hier wie immer in der Oper um grosse Gefühle geht.
Und um die Oper selbst, denn "Das geopferte Leben" umkreist mit dem Orpheus-Mythos eines der ersten und ureigensten Themen dieser Gattung. Auch deshalb ist Parras Partitur gespickt mit teils offenen, teils verdeckten historischen Zitaten und Anspielungen. Vor allem der Lamento-Ton Purcells, Monteverdi und Dowlands macht die Musik -wie wenn sich diese zurück sehnte nach ihren Wurzeln. Zuweilen bemerkt man überrascht aber auch Chromatik im Stile von Wagners "Tristan". Auf feinste Weise spielt Hèctor Parra mit dem Gegeneinander von vibrierendem und nicht vibrierendem Streicherklang, von Affekten und Emotionen.
Seine Musik packt unmittelbar, und das machen auch nicht jene wenigen Momente vergessen, in denen man sich mitten im fast permanent hoch gehaltenen Erregungszustand der Musik kurze emotionale Atempausen wünscht.
[...] Am Ende liegt er zusammen mit seiner Frau auf einer Pritsche, Rücken and Rücken. Er starrt ins Leere, sie liebt, was er war und was er sein würde. Ein erschütternder Schluss, abgrundtief traurig. Schöner als hier könnte er dennoch nicht klingen."
Susanne Benda, STUTTGARTER NACHRICHTEN


"Die Münchener Biennale endete ganzvoll mit der kammeroper "Das geopferte Leben" von Hèctor Parra. [...] Die Bezeichnung "Kammeroper" sagt es bereits: "Das geopferte Leben" ist kein Werk mit Knalleffekt und überbordenden Gefühlswelten. Stattdessen hat der Komponist Hèctor Parra in Zusammenarbeit mit der französischen Autorin Marie NDiaye ein psychologischen feinsinniges und hoch poetisches Werk gesponnen, das sich dem Thema Liebe aus ungewöhnlicher Perspektive annähert: In umgekehrter Orpheus-Manier darf ein darf ein Verstorbener [...] zurück zu Frau und Mutter kommen [...]. Die textliche und musikalische Inhaltsschwere von dem Hintergrund einer eher überschaubaren Handlung hat Vera Nemirova sehr zurückhaltend inszeniert, so dass Text und Musik voll zur Geltung kommen. [...]
Peter Tilling hat mit zwei Instrumentalenensembles einen ständig schwebenden Klang erzeugt, da Parra mit dem ensemble recherche und dem Freiburger Barockorchester einmal ein modernes und einmal ein historisches Orchester mit verschiedenartigen Stimmung in seine Partitur eingebaut hat. So entsteht ein Klangspektrum , das auf den Hörer einerseits zutiefst sinnlich wirkt und ihn in akustische Traumwelten entführt, das aber auch in besten Sinne plakativ Altes un Neues gegenüberstellt und eine Analogie zur Parras Kompositionsweise bildet, der zeitgenössische klänge mit barocken Stimitteln erzeugt."
M.T. MÜNCHNER FEUILLETON


"[...] Doch dann dieses Finale. „Das geopferte Leben“ von Hèctor Parra – ein vor Toresschluss gerade noch uraufgeführte Versöhnungsaktion. Wieder ein Stück, das ohne Berührungsängste in die Vergangenheit blickt. Allein die instrumentale Besetzung: Freiburger Barockorchester und Ensemble Recherche reichen sich im Graben des Carl-Orff-Saales die Hand. Die unterschiedliche Stimmung (die Freiburger um einen Halbton tiefer) bleibt, ebenso die Konfrontation von alten und neuen Instrumenten, auch von Barockoper und Moderne. Die Stoffwahl, von Promi-Autorin Marie Ndiaye in ein Libretto gefasst und von Claudia Kalscheuer ins Deutsche übersetzt, erinnert an die Anfänge der Oper. Ein umgekrempelter Orpheus-Mythos: Der Mann kommt mit dem Tod aus dem Jenseits zurück zu Frau und Mutter. Sollte die Liebe einer der Frauen stark genug sein, zieht sich der Tod, hier eine koloraturensprühende, in Stratosphären singende Sopranistin, zurück. [...] Der Rückgriff auf die Vorklassik spricht fast aus jeder Partiturseite. Es gibt halsbrecherische Verzierungen, lange Koloraturstrecken, einmal auch ein kreisendes, nur von der Laute begleitetes Lamento. Aufgeraute barocke Harmoniewendungen paaren sich mit einer sehr avancierten, beide Orchester raffiniert nutzenden Musiksprache. Immer wieder verdichtet sich das Geschehen zu Arien-ähnlichen Nummern. „Das geopferte Leben“ würde auch mit zehn Minuten weniger gut funktionieren, nach der fesselnden Mann-Mutter-Auseinandersetzung kleckert das Stück etwas nach. Klangfantasie hat Hèctor Parra jedoch, vor allem aber schreibt er Stimmband-Maßanfertigungen. Alejandro Lárraga Schleske (Mann), Lini Gong (Tod), Sally Wilson (Frau) und Sigrun Schell (Mutter) vom koproduzierenden Freiburger Theater nutzen das für den besten Vokaleindruck der diesjährigen Biennale. Auch bei Dirigent Peter Tilling wird spürbar, wie begeistert sich hier ein Ensemble ein neues Stück zu eigen gemacht hat – mit guten Gründen. Ein schöner Abschluss des Premierenreigens also."
Markus Thiel, OBERBAYERISCHES VOLKSBLATT


"[...] Die Anspielungen auf die Barockoper sind natürlich kein Zufall. Hèctor Parra spiegelt den Rückgriff bereits in der Instrumentierung wider: Die beiden Freiburger Ensembles für Neue und für Alte Musik, das ensemble recherche und das Freiburger Barockorchester, bilden zusammen das Orchester. Das ist ebenso reizvoll wie ungewöhnlich – und eine Freiburger Besonderheit. Seitdem die beiden Ensembles jahrelang für ein gemeinsames Ensemblehaus gekämpft haben, finden sie immer mal wieder in gemeinsamen Projekten zusammen. Außerhalb des Freiburger Barockorchesters wird man nur selten auf Spezialisten für historische Spielpraxis treffen, die bereit sind, sich auf Neue Musik einzulassen. Wie gewinnbringend das sein kann, lässt sich an Parras Partitur hören.
Er verbindet die beiden Klangwelten so, wie sich im Stück Leben und Tod, Vergangenheit und Gegenwart begegnen. Zunächst gehen die barocken Streichinstrumente noch im Gesamtklang auf (Leitung: Peter Tilling), sorgen für eine erregte Stimmung, in die sich die Herzschläge des unerwartet wiederkehrenden Mannes mischen. Später, wenn die Erinnerungen kommen, wenn die Frauen ihre Liebe besingen, begleitet sie manchmal nur die Theorbe wie in einem alten Madrigal. Parra schafft immer wieder Allusionen an Barock- oder Renaissancemusik, ohne jedoch bloße Stilkopien zu schaffen. Und immer wieder brechen moderne Spieltechniken diese Sphäre auf, so wie auch Erinnerungen an vergangene Begebenheiten diese nie unverfremdet lassen.
Auch für die vier Stimmen nutzt Parra immer wieder Verzierungs- und Koloraturtechniken aus der Alten Musik. Vor allem Lini Gong als Tod gelingt eine phänomenale Umsetzung ihrer mit Koloraturen gespickten Partie. Dass Parra für die Rolle des Todes eine Sopranistin vorsieht, erklärt sich daraus, dass im Französischen, der Ausgangssprache des Librettos, der Tod („la morte“) weiblich ist. So kommt es, dass in diesem Stück im Grunde drei Frauen um einen Mann kämpfen. Und Lini Gongs Tod ist dabei die große Verführerin.
Sally Wilson ist die ein wenig unterkühlt wirkende Frau, die anfangs alles andere als begeistert ist über die Wiederauferstehung ihres Mannes. Sigrun Schell als Mutter trauert eigentlich gar nicht ihrem Sohn nach, sondern ihrem Baby und dem kleinen Jungen, den sie bereits verlor, als aus ihm ein Erwachsener wurde. Regisseurin Vera Nemirova lässt sie in einer Kiste mit Erinnerungsstücken ausgiebig kramen. Anders als in vielen anderen Opern ist die Rolle des Mannes (Alejandro Lárraga Schleske) eine eher passive.
Nemirovas Regie reagiert sensibel auf die Musik, gelegentlich auch mit einer Überzeichnung ins Groteske. Im Wesentlichen bleibt sie aber nah an der sinnbildhaften Erzählstruktur von N'Diayes Libretto. Auch dem Ausstatter Stefan Heyne genügen Tisch, Bett und eine spiralförmige Projektionswand mit Bildern voller Herbstwald für seinen nicht wahnsinnig originellen, aber symbolhaften Schauplatz. Überschwänglicher Applaus für die gelungene Verschmelzung von Neuer und Alter Musik."
Elisabeth Schwind, SÜDKURIER


"Die letzte von sechs Uraufführungen des diesjährigen Kammeropern-Festivals - darunter eine als frei finanziertes „biennale special“, die zu den besten dieses Jahrgangs zählte (Nikolaus Brass' „Sommertag“ nach Jon Fosse) - war „Das geopferte Leben“ von Hèctor Parra im Carl-Orff-Saal des Gasteig. Es ist die dritte Oper des 38-Jährigen Spaniers nach „Zangezi“ (2007) und „Hypermusic Prologue“ (2008/09); derzeit arbeitet er nach einem Libretto von Händl Klaus an „Wilde“. [...] Parras „Kammeroper für vier Sänger und zwei Instrumentalensembles“ beginnt mit raffinierten Klängen, die faszinieren, weil sie zugleich modern und zeitlos, tonal und voller Reibungen sind – und weil sie stets im Fluss ist. Nicht zuletzt die beiden im Abstand eines Halbtons gestimmten Orchester – je sieben Mitglieder des Freiburger Barockorchesters (u. a. mit Gambe, Theorbe und Harfe) und des ensemble recherche (mit Holzbläsern, Schlagwerk und Streichtrio) – sind dafür verantwortlich. Und später auch die Zitate aus Barockopern von Monteverdi bis Händel bis hin zu Bachs Matthäus-Passion. Doch die Musik gerät bald in eine Endlosschleife, aus der es nur dann ein Entrinnen gibt, wenn etwa plötzlich nur Theorbe und Harfe begleiten. Das besitzt einen elegischen Duktus, bei dem die Zeit stillzustehen scheint. Leider trägt das – wie Handlung und Libretto - nicht über anderthalb Stunden, was nicht den beiden Orchestern und Peter Tilling anzulasten ist, die ein Höchstmaß an Differenzierungkunst an den Tag legten. [...] Doch im Verlauf des Stücks setzt Parra – durchaus mit Erfolg – seine Absicht um, den Gesang der frühen Barockoper wiederzubeleben. Also beginnt auch „Die Frau“ (Sally Wilson) in schönster lyrischer Expressivität zu singen, reizt Sigrun Schell ihren dramatischen Sopran bis zum Anschlag aus. Trotz aller Einwände entsteht ein paradoxer Effekt, wirkt Parras Musik nach, beginnt sie im Kopf ein Eigenleben zu entwickeln. Und das ist nicht das Schlechteste, was man von einer zeitgenössischen Oper sagen kann."
Juan Martin Koch, NEUE MUSIKZEITUNG


"Schlichter, betörender Gesang, begleitet von Theorbe und Barockharfe: Fast schien es so, als wolle die zeitgenössische Oper endgültig in den Schoß ihrer Ursprünge zurückkehren. Mit „Das geopferte Leben“ legte der katalanische Komponist Hèctor Parra zum Abschluss der 14. Münchner Biennale für neues Musiktheater ein Werk vor, das im Orchestergraben Alte und die Neue Musik virtuos ineinander verschränkt, das sich bisweilen aber eben auch ganz in die Intimität des frühbarocken „recitar cantando“ zurückzieht. [...]
Parra, der bislang eher nicht mit nostalgisch in die Musikgeschichte zurückblickenden Werken aufgefallen ist, huldigt in der Kammeroper seiner Liebe zu Monteverdi, Händel und den vielen anderen Heroen des mal inwendig schlichten, mal exzentrisch koloraturgesättigten Affektgesangs. Gleichzeitig versucht er aber, sie mit zeitgenössischer Klangenergie aufzuladen. Im Orchestergraben helfen ihm dabei – unter Peter Tillings Leitung bravourös aufspielend – das Freiburger Barockorchester und das Ensemble Recherche.
Wie er die beiden in ihrer Stimmung um einen Halbton verschobenen Klangkörper ineinander verschränkt, statt sie jeweils verschiedenen Ausdruckssphären zuzuordnen, wie er einen irisierenden, historisches Niemandsland betretenden Klang kreiert, ohne Stilkopien abzuliefern, das ist durchaus faszinierend zu hören. Gleiches gilt für die weiblichen Gesangsparts, die sich immer wieder effektvoll in die Höhe schrauben dürfen: Frau Mutter hochdramatisch (Sigrun Schell mit robuster Durchschlagskraft), Frau Tod koloraturgesättigt (Lini Gong mit aberwitziger Präzision), Frau Gattin lyrisch (Sally Wilson mit ambivalentem Trauerflor). Letztere darf nach dem Opfertod der Schwiegermutter gar ein Bach’sches „Es ist vollbracht“ anstimmen. [...]"
Juan Martin Koch, NEUE MUSIKZEITUNG (Printed Edition)


"Einen schöneren Abschied hätte sich Peter Ruzicka wohl nicht wünschen können. Jedenfalls war bei seiner letzten Biennale für neues Musiktheater, die er als künstlerischer Leiter verantwortet, das Finale der Höhepunkt. Von den fünf großen Uraufführungen, die in diesem Jahr gestemmt wurden, ging Hèctor Parra mit seiner Kammeroper Das geopferte Leben klar als Sieger hervor, wobei vor allem die Musik des 1976 geborenen Katalanen punkten konnte. Schon die grundsätzliche Idee war spannend, weil sich zwei Instrumentalgruppen begegnen, eine Barockformation und ein Ensemble für neue Musik. Originalklang trifft auf neue Musik, das war das spannende Hörkonzept. In seiner neuen Oper verwebt Parra einerseits Kenntnisse der historischen Aufführungspraxis mit geräuschhaften Spielweisen.
Andererseits werden die modernen Instrumente mit Barockharfe, Viola da gamba oder Laute klanglich erweitert. Neu ist diese Idee nicht, aber: Parra machte vollends hörbar, wie sehr auch die neue Musik von der Originalklang-Praxis profitiert und beides zu einer sinnstiftenden Einheit verschmelzen kann. Das wurde vom Ensemble Recherche und das Freiburger Barockorchester unter Peter Tilling virtuos ausgestaltet. [...]
Marco Frei, BAYERISCHE STAATSZEITUNG


"Hèctor Parra verfugt elegant und höchst konzentriert barocke Töne mit reduziert gegenwärtiger Textur, unter Peter Tillings umsichtiger Leitung harmonieren das Freiburger Barockorchester und das ensemble recherche aufs Feinste und trotz der oft sehr kulinarischen Couleurs nimmt einen dieses anregend gewürzte Klangbad bald gefangen.[...]"
DEUTSCHLAND FUNK


"Fette Emphase bot zu guter Letzt die Musik von Hector Parra zu seiner Oper „Das geopferte Leben“. Er vermischte darin das Freiburger Barockorchester und das Ensemble Recherche. Das leise alte Instrumentarium und die manchmal zeitgenössisch aufgeraut gespielten modernen Instrumente wurden eigentlich kaum getrennt eingesetzt, sondern verschmolzen unter der Leitung von Peter Tilling zu einem einzigartig romantischen Klangbogen. Das befremdete erst einmal ein paar Minuten, um um so mehr später zu faszinieren. Das fand ich irgendwie sehr hinreissend, bewegend. In der letzten Vorstellung sitzend, ohne all die Hitze von Premierenstimmung einsaugend, war es ein richtiges Vergnügen, dem Orchestergraben zuzuhören. Mal war es in der Hörerwahrnehmung motivisch gebundener, mal floss es nur so dahin, mal wunderte man sich über die Verknüpfung von Fetzen aus Ammenschlafliedern aus Monteverdis Poppea, die sich ständig an das Zitat anschmiegten und doch eine andere Wendung nahmen, mal als historische zu identifizieren waren, aber nicht nominell zugeordnet werden konnten, also vielleicht dann nur Allusionen waren."
Alexander Strauch, BAD BLOG OF MUSICK


"[...] Selbst die Kammeroper «Das geopferte Leben» von Hèctor Parra – sie überträgt den Orpheus-Mythos auf eine Mutter, die sich für ihren Sohn opfert – spürte den Freiräumen zwischen dem Narrativen und dem Nichtnarrativen weitaus weniger nach als erwartet, obwohl der Katalane klanglich mit unterschiedlichen Ebenen arbeitete. Die Partitur schreibt zwei Instrumentalgruppen vor, nämlich ein Originalklang-Ensemble und eine Spezialformation für neue Musik (fesselnd das Freiburger Barockorchester und das Ensemble Recherche). Kenntnisse der historischen Aufführungspraxis verwoben sich mit geräuschhaften Spielweisen, um zugleich die modernen Instrumente mit historischen klanglich zu erweitern. Diese Idee ist nicht neu; dennoch machte Parra vollends hörbar, wie sehr auch die neue Musik von der Originalklang-Praxis profitiert und beides zu einer sinnstiftenden Einheit verschmelzen kann. [...]"
Marco Frei, NEUE ZURCHER ZEITUNG


"Während das Orchester aber bei anderen Opern noch hinter einem Paravent versteckt war, nimmt es jetzt die Hälfte der Bühne ein und wird so ebenfalls zum Protagonisten. Vera Nemirova – der also nur die halbe Bühne zur Verfügung steht – will offenbar der musikalischen Kraft dieser Uraufführung nicht die Show stehlen und inszeniert zusätzlich angenehm zurückhaltend, deswegen aber nicht weniger effektvoll. Aus der Reduzierung auf das Wesentliche, wie um der starken Musik einen unaufdringlichen Rahmen zu geben, entstehen starke Bilder: Ob der Tod sein Opfer als Cello missbraucht oder im weissen Doktorkittel auch mal vernichtende Diagnosen um den Stand der Liebe abgibt, oder die als Rückblende in lieblosen Stellungswechseln abgespulte Hochzeitsnacht – die Regieeinfälle wirken durch ihre Seltenheit um so stärker. [...]
Klar im Vordergrund steht aber die ungewöhnliche Musik von Hèctor Parra, die zwar von einem Barockorchester gespielt wird und durchaus auch Zitate von Barockstücken enthält, aber durch die eigenwillige Handhabung der Instrumente ganz moderne Klänge aufweist. Eigen zum Beispiel der flirrende Ton wie das Flügelschlagen einer Libelle in der Mittagshitze. Das Libretto der französischen Schriftstellerin Marie NDiaye wurde extra auf Deutsch übersetzt, da diese Sprache dem katalanischen Komponisten besser zu liegen scheint. Peter Tilling leitete das Barockorchester ausgesprochen dynamisch. [...]
Alice Matheson, DER NEUE MERKER


"Dass das Freiburger Theater hier eine Koproduktion mit dem wichtigsten Festival für zeitgenössisches Musiktheater eingehen konnte, ist mindestens so bemerkenswert wie die Tatsache, dass mit dem ensemble recherche und dem Freiburger Barockorchester gleich zwei Freiburger Ensembles engagiert wurden. Das Freiburger Theater konnte dabei mit den vier Gesangssolisten Lini Gong, Sigrun Schell (beide Sopran), Sally Wilson (Mezzo) und Alejandro Lárraga Schleske (Bariton) aus dem eigenen Ensemble und mit der Anfertigung des Bühnenbildes auch künstlerisch mitwirken. Entscheidend für das Zustandekommen dieses Auftragswerks war aber das ensemble recherche. [...]
Diesen barocken Tonfall nimmt auch Dirigent Peter Tilling wahr. Wie in der Barockoper dient in „Das geopferte Leben“ die Laute vor allem der Sängerbegleitung. „Dabei werden die Gesangslinien durchaus traditionell behandelt. Nur wenn der Mann zum ersten Mal aus dem Jenseits auf die Bühne kommt, dann muss er sozusagen erst über das Atmen zum Klang erweckt werden. Aber ansonsten hat Parra eine kantable, manches Mal auch sehr virtuose Musik geschrieben. Gerade Lini Gong als Tod hat spektakuläre Koloraturen, die sie mit phänomenaler Klarheit und Leichtigkeit singt“, schwärmt der Dirigent. Für ihn ist die Oper ein „durchaus gewagtes Experiment, das leicht auch hätte kitschig werden können“. Mit dem Ergebnis ist Tilling sehr zufrie- den. „Parra lässt den beiden Ensembles ihre eigene Sphäre und Klanglichkeit. Das finde ich enorm wichtig.“
Der große Erfolg der Uraufführung zeigt, dass das Experiment geglückt ist. Ensemble-Recherche-Musiker Fahlenbock hatnach der Uraufführung nur begeisterte Reaktionen erlebt. Auch die Presse lobt Parras Oper als „satztechnisch meisterlich, klanglich faszinierend“ (Die Deutsche Bühne) und stellt fest, dass die Produktion „in ihrem Willen zum Schöngesang und den Erlösungswonnen des 19. Jahrhunderts auch ganz normale Opernbesucher“ ansprechen dürfte (Münchner Abendzei- tung).
Fahlenbock ist vor allem fasziniert davon, wie raffiniert der Komponist die beiden Ensembles miteinander verbindet beziehungsweise trennt: „Wie bei einem Lichtwechsel, bei dem man nicht merkt, dass es von grün nach blau geht, wechselt die Oper von der modernen Klangseite in die Alte Musik hinüber und wieder zurück. Das ist einfach sehr gut komponiert.“ Dabei wird das Vertraute mit modernen Spieltechniken gebrochen und verfremdet. Und die Welten begegnen sich, wenn die Musiker des ensemble recherche bestimmte, aus der Barockzeit überlieferte Verzierungen spielen oder die Streicher des Freiburger Barockorchesters mit hohen, pfeifenartigen Flagolett-Tönen eine ganz moderne Klangwirkung erzielen. Trotz aller instrumentalen Finesse stehen aber die Stimmen der Solisten im Mittelpunkt, erklärt Fahlenbock. „Das ist eine richtige Gesangsoper.”
Georg Rudiger, DER SONNTAG (Breisgau)


"[...] Vive atrapado por la fascinación de la ópera y, aunque sigue cultivando otros géneros– el año pasado fue compositor residente del Festival de Huddersfield (Inglaterra) y estrenó L´absència en el Auditori de Barcelona por encargo de la Orquesta de Cadaqués-, Hèctor Parra (Barcelona, 1976) sigue explorando los recursos del arte lírico desde la más excitante vanguardia. De hecho, se ha convertido en el autor español que más óperas estrena en la escena europea y sigue su buena racha: tres meses después de estrenar en París, con dirección escénica de Georges Lavaudant, Te craindre en ton absence, un monodrama sobre el papel de la mujer con libreto de la escritora francesa Marie NDiaye, premio Goncourt 2009, estrena mañana en la Bienal de Múnich (Gasteig) su cuarta ópera, Das geopferte Leben (La vida sacrificada) una revisión, original y llena de humor, del mito de Orfeo, también con libreto NDiaye. El montaje -tres representaciones hasta el 23 de mayo, con dirección musical de Peter Tilling y escénica de Vera Nemirova- es la obra que cierra la última edición de la Bienal de Múnich dirigida por Peter Ruzicka. En ella, da una vuelta de tuerca al mito de Orfeo en clave cómica, y desde una óptica moderna en la que explora la tradición sin renunciar a los recursos de la música actual. Para ello utiliza una orquesta integrada por dos conjuntos diferentes -la Orquesta Barroca de Friburgo, con instrumentos de época, y el ensemble Recherche – y un equipo de solistas vocales de la compañía de la Ópera de Friburgo, coproductora del montaje. [...] En ella, da una vuelta de tuerca al mito de Orfeo en clave cómica, y desde una óptica moderna en la que explora la tradición sin renunciar a los recursos de la música actual. [...] En la gestación de esta curiosa “ópera barroca de espíritu moderno”, en la que aparecen citas de célebres títulos de Monteverdi y Handel, ha realizado una provechosa inmersión en los códigos barrocos. “Mi lenguaje vocal e instrumental se ha visto profundamente transformado y enriquecido gracias al contacto con la ópera barroca y con las técnicas de interpretación histórica. De ahí, he visto como ha nacido una especie de transparencia sonora propulsada por un impulso melódico-lírico que me ha hecho reflexionar sobre como enfocar mis futuros proyectos operísticos”."
Javier Perez Senz, EL PAÍS


"[...] Das Stück, eine Koproduktion mit der bayerischen Haupstadt zum abschluss des dortigen Festivals als Höhepunkt gefeiert.
Ein Todesfall. Der Schmerz der Hinterbliebenen ist noch frisch und lebendig, da kehrt der Verstorbene auch schon zurück – und bringt den Tod gleich mit. Der Tod will den Mann zurückgeben, bietet einen Kuhhandel an, doch Mutter und Ehefrau reagieren mehr als zögerlich. Der junge spanische Komponist Hèctor Parra hat mit »Das geopferte Leben« ein Libretto der bekannten französischen Schriftstellerin Marie NDiaye in Musik gesetzt, eine Koproduktion der Münchener Biennale mit gleich drei Freiburger Institutionen: Gemeinsam mit dem ensemble recherche, dem Freiburger Barockorchester und dem Theater Freiburg wird das Werk im Mai 2014 zu seiner Uraufführung gebracht. Die Perversion des Orpheus-Motivs bietet reichlich Möglichkeit zur Groteske. Hier bittet der Tod selbst, den Toten zurückzunehmen. Er ruft die Lebenden auf, das Hohelied der Liebe auf den Verstorbenen zu singen, welches zunächst noch recht verhalten erklingt. Und doch offenbaren sich Momente von eindringlicher Tiefe, die die intime Frage nach der (Un-)Möglichkeit von Beziehungen und die Fragen von Vergänglichkeit und Abschied aufrufen."
LAHRER ZEITUNG


"Die Herausforderung in "Das geopferte Leben" ist eine ganz andere: ein Kammerstück mit nur vier Darstellern, es ist hoch konzentriert, und fordert von allen Beteiligten absolute Genauigkeit in der Gestaltung jedes Taktes der Musik. Aber das macht die Sache nicht einfacher, da man das Stück wirklich noch nicht kennt und es keine Aufführungspraxis gibt. Auf der anderen Seite ist man freier in der Findung von Bildern. Eine Gegenüberstellung oder Vernetzung von Barockmusik und Neuer Musik innerhalb eines Projektes ist auch ungewöhnlich. Hèctor Parra spricht immer von "seiner Barockoper". Die Arbeit mit ihm ist eine ganz tolle Erfahrung – auch dass der Komponist mit dabei sein kann: Das gibt es bei Mozart und Verdi natürlich nicht… [...]
Das Libretto deckt das alles richtig gut auf und zeigt, wie viel Verlogenheit und Egoismus unsere Beziehungen beherrschen. Und die Musik greift das ganz toll auf mit ihrem barocken Einschlag, der den mythischen Hintergrund des ganzen unterstreicht, zum Teil mit Zitaten aus Opern von Monteverdi und Händel, die auch um dieses Thema kreisen: als in seine Eigenkomposition eingeflossene Partikel. Ganz interessant – die lebenden Figuren werden oft vom barocken Orchester begleitet, während der Tod eine ganz moderne Figur ist, der vom Ensemble Recherche unterstützt wird."
Vera Nemirova (interview), BADISCHE ZEITUNG


TE CRAINDRE EN TON ABSENCE (2012-13)


“Un authentique chef d’œuvre” Resmusica

"Excellent" Süddeutsche Zeitung

"Une partition d’une puissante efficacité dramatique" Classique d'aujourd'hui

"Un texte poignant, une musique au sombre lyrisme" La Republique du Classique

"Un moment de vérité particulièrement troublant" DNA

"La musique de Parra ne mérite que des éloges, dans son écriture à la fois complexe, savante et séduisante" CONCERTCLASSIC

“Bello éxito, fruto del encuentro entre dos universos que se responden y hacen eco.” EFE

"Llega hasta lo más íntimo del espectador" Scherzo

"Una obra arriesgada y compleja" Audioclásica

"Un excellent recours à l’électronique, un quasi bel canto électronique" Mediapart

"Une union naturelle se fait entre les sons et ces mots écrits" Musikzen

"Un sacré mélange entre acoustique et électronique" Radio France Internationale


“Le long poème doucement incantatoire que Marie NDiaye fait naître d’un imaginaire aussi foisonnant qu’étrange révèle, à la relecture, toute sa richesse, sa puissance d’évocation et ses multiples strates de compréhension. Sans grand relief mais avec suffisamment de flexibilité dans la voix pour épouser toutes les nuances du langage, Astrid Bas trouve la sensibilité et le ton juste pour incarner cette femme qui, au volant de sa voiture, pour aller rejoindre sa mère mourante, se remémore son existence, submergée par les remous de sa conscience alors qu’elle ramène dans « l’urne verte » les cendres de sa soeur qui s’est suicidée.
« Noyau d’exploration » selon les termes du compositeur, le texte est souvent dit par bribes et laisse de larges interstices à la musique qui semble creuser le cheminement intérieur de la parole. Hèctor Parra écrit une partition exigeante et très richement élaborée, à la hauteur de ce texte qui l’inspire, tout en ménageant des plages de silence très éloquentes. Par l’investigation très fine du spectre sonore et de ses couleurs, il s’attache à l’écriture du timbre dans une conception organique et plastique de la matière sonore, tout à la fois fragile et puissante, concentrée et jaillissante. La partie électronique, apportant son aura scintillante, est subtilement intégrée à l’univers instrumental qu’elle vient parfois relayer lors de plages suspensives. Elle ouvre aussi d’autres espaces plus oniriques, comme ces « trous noirs » qu’aime évoquer ce passionné d’astronomie ou des arrêts sur image terrifiants – ces oiseaux fous qui hantent la conscience du personnage aux trois quarts de l’oeuvre.
On est [...] subjugué par la qualité et l’investissement des douze musiciens de l’Ensemble Intercontemporain, placés en fond de scène et magnifiquement conduits ce soir, avec une concentration de tous les instants (quelques 75 minutes très intenses) par le jeune chef Julien Leroy. Familiers de l’écriture fouillée et aventureuse du compositeur catalan dont ils ont déjà crée le premier opéra, Hypermusic Prologue en 2009, les solistes de l’EIC poursuivaient ce soir cette collaboration fructueuse en nous révèlant cet authentique chef d’œuvre.”
Michèle Tosi, RESMUSICA


“Große Prosa zu Zwölftonwerk: Marie NDiayes erstes Libretto.
Die Frau, die im neuen Monodrama des Komponisten Hèctor Parra zwischen Erinnerung und angstvoller Erwartung schwankt, ist nicht aus dem Himmel Brandenburgs gefallen. Dort siedelt die Dramatikerin Marie NDiaye sie in ihrer Textvorlage zwar an. Sie lebt ja in Berlin. Doch ist die Frau mit der Asche ihrer verstorbenen Schwester unterwegs zur sterbenden Mutter nach Frankreich und seinen Weizenfeldern, Betonsilos und jungen Frauen mit blumigen Schürzen. Die Heldin des Einakters „Te craindre en ton absence“ (Dich fürchten in Abwesenheit) ist eine Verwandte jener Verzeifelten, die Marie Pappenheim für Arnold Schönbergs Monodrama „Erwartung“ geschrieben hat. Sie ist eine Schwester der Kassandra von Christa Wolf.
Die vertonte 1996 der Komponist Michael Jarrell. Der Spanier Hèctor Parra ist ein Schüler Jarrells. Er hat den verinnerlichten Spießrutenlauf dieser Frau mit seiner subtilen Orchesterbegleitung aus dem Obsessionsnebel ihrer Vorgängerinnen befreit und die Darstellerin Astrid Bas sprach in der Uraufführung am Pariser Theater Bouffes du Nord den dunklen Text mit einer Klarheit, als ginge es bloß um einen kurzen Wortwechsel am Wegrand zwischen Nostalgie und Erlösung.
Es ist die erste Arbeit von Marie NDiaye für die Musikbühne. Für die Münchner Biennale im Juni ist mit der Kammeroper „Das geopferte Leben“ vom selben Komponisten aber schon die nächste Uraufführung angesagt. Das von Georges Lavaudant in Paris inszenierte Stück „Te craindre en ton absence“ hält Text und Musik autonom auseinander. Das zwölfstimmige Orchester des Ensemble Intercontemporain breitet sich unter der Leitung von Julien Leroy über feinteilige Solopartien zum massiven Klangteppich aus und verstummt dann wieder im elektronischen Eigenecho. Da klingt auch das Rascheln und Flattern aus dem Kleintierstall mit, wenn in der Kindheitserinnerung der Frau die „trügerische Hand“ bald zum Streicheln, bald zur Schlachtung eine der vertrauensvollen Kreaturen herausgreift. Die Musik versagt sich jedoch ganz der Ausmalung einer Textvorlage, die vom Heimweh bis zur Erinnerung an Grausamkeit, von Schuldgefühl, Zweifel und Trauer bis zur forschen Selbstbehauptung die großen Themen von Marie NDiaye souverän miteinander verknüpft. Im Sprachton wie in der Musik trägt das Prosagedicht die schlichten Züge einer Mitteilung und vermeidet jede lyrische oder dramatische Überhöhung.
Und im reizvoll entkernten Raum des Théâtre des Bouffes du Nord, das seit dem Weggang von Peter Brook ein originelles Musiktheaterprogramm anbietet, lässt auch die großartige Sprecherin Astrid Bas unter der Regie Georges Lavaudants sich leicht vom Weg abbringen, den der Bühnenbildner Jean-Pierre Vergier zwischen dem erfolgten und dem bevorstehenden Tod von Schwester und Mutter mit weißen Federn ausgelegt hat. Mit ihrer ungekünstelten Stimme schlägt die Darstellerin die Nebenpfade ihrer Erinnerung ein. Sie, verharrt am Bühnenrand im fragilen Gleichgewicht zwischen Lähmung und Pose, kämpft sich weiter voran in ihre Vision, alte und künftige Asche ihrer Verwandten endlich zu mischen. So fanden Regie, Komposition, Text und Ausführung zu einem hervorragenden Ergebnis zusammen.”
Joseph Hanimann, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG


“Bello éxito, fruto del encuentro entre dos universos que se responden y hacen eco.”
Aurélie Filippetti, Ministre Française de la Culture. EFE


“Pour son monodrame ‘Te craindre en ton absence" sur un livret de Marie NDiaye, Hèctor Parra signe une partition d’une puissante efficacité dramatique.
Intégrant ou non l’électronique « live », la musique de Te craindre en ton absence se fond avec naturel au beau texte de la romancière dramaturge scénariste Marie NDiaye (Prix Femina 2001 pour Rosie Carpe et Prix Goncourt 2009 pour Trois femmes puissantes) et s’avère d’une efficacité expressive singulière, libérant une énergie incandescente et un onirisme ardent, l’orchestration, fluide et richement colorée, demeurant toujours intelligible sur le plan des textures comme de l’euphonie. La partition ne fait en aucun cas redondance avec le texte, en disant davantage encore sur la douleur de l’absence de l’être cher qui s’est suicidé, d’une mère décédée, sur la peur panique, exprimant le tout de façon intime, les sons vibrant en résonance jusqu’à tréfonds de la chair de l’auditeur.
Placés au fond du plateau, dirigés avec allant par Julien Leroy, les douze musiciens de l’Ensemble Intercontemporain se sont emparés de la partition de Parra avec panache, mettant en relief sans faiblir les couleurs brûlantes de la partition du compositeur catalan, donnant à lui seul la douloureuse intensité dramatique de l’œuvre entière.”
Bruno Serrou, CLASSIQUE D’AUJOURD’HUI


"Malgré le petit effectif (12 instrumentistes), les sonorités de l’orchestre sont graves et amples. Le volume sonore compense la sobriété du texte. On se laisse prendre par l’atmosphère. [...] L’électronique contribue à ce climat inquiétant, développé par l’écriture d’Hèctor Parra. « Dans l’instrumentation, j’ai beaucoup travaillé sur la fragilité du son. Au final, on obtient des couleurs un peu bleuâtres », nous dit le compositeur. [...] Tous les éléments sont réunis pour que la magie opère: un texte poignant, une musique au sombre lyrisme qui se défend de tout caractère descriptif. Et à la tête de l’EIC, le jeune chef Julien Leroy, qui fait preuve de détermination et de précision."
Elsa Fotorino, LA REPUBLIQUE DU CLASSIQUE


"Para doce intrumentos y electrónica, la música se funde con naturalidad al bello texto de la novelista y dramaturga Marie NDiaye [...] -y se beneficia de una eficacia expresiva singular, liberando una energía incandescente y un ardiente onirismo, con una orquestación fluida y coloreada, siempre inteligible en texturas y eufonía. La partitura no es nunca redundante con el texto, diciendo más que este sobre el dolor de la ausencia del ser querido que se ha suicidado, sobre la madre muerta, sobre el miedo..., llegando hasta lo más íntimo del espectador. [...] Dirigido con empuje por Julien Leroy, el Ensemble Intercontemporain se ha empapado de la partitura de Parra con brillantez, poniendo de relieve sus colores ardientes, suscitando él solo la dolorosa intensidad dramática de la obra entera."
Bruno Serrou, SCHERZO


“Avec Te craindre en ton absence, le compositeur espagnol Hèctor Parra a délaissé ses inspirations picturales ou scientifiques, et sollicité la romancière Marie NDiaye. La lauréate du Goncourt (2009) signe une première œuvre pour la scène musicale, qui trouve dans l’expérience du monodrame, forme pareillement privilégiée par Parra, une intensité rare. La voix d’une femme seule, formidable Astrid Bas, épouse les méandres d’un psychisme pulvérisé. Lesté par le poids d’une vie trouée, son monologue s’enroule autour d’un labyrinthe circulaire. Dans sa mise en scène, Georges Lavaudant révèle la complexité des sentiments, la violence de l’indicible. Que les musiciens de l’Ensemble intercontemporain, dirigés par Julien Leroy, accompagnent sur la route qui la mène vers sa mère. Promis au succès, depuis sa création en mars dernier au théâtre des Bouffes du Nord, à Paris, Te craindre en ton absence instille un moment de vérité particulièrement troublant."
VeP, DNA/DERNIÈRES NOUVELLES D'ALSACE


“El espectáculo contaba con dos elementos de gran valor artístico. Por una parte, la escritora francesa de raíces senegalesas Marie NDiaye ha demostrado nuevamente sus grandes dotes literarias con un libreto de una brutal crudeza, pero revestido de un estilo tierno. A su vez, Parra ha firmado una partitura con numerosos pasajes musicales ciertamente logrados, de una notable belleza y plasticidad sonora. El oyente puede encontrar en ella algunos rasgos recurrentes de su escritura –muy en especial algunos explotados en su obra Caressant l’horizon– que se han dulcificado y estilizado al máximo para este proyecto. Julien Leroy extrajo de los intérpretes del Ensemble intercontemporain un sonido muy adecuado al tipo de espectáculo en el que participaban. La electrónica de Parra halló igualmente momentos conmovedores, como acontecía en un fragmento que se fundamentaba en el empleo del batir de las alas de una paloma, o en una certera transformación en tiempo real de los vientos metales. Además, George Lavaudant optó por una sobria puesta en escena que ayudase a Astrid Bas a demostrar sus enormes cualidades como recitadora. [...] El equipo ha firmado en definitiva una obra arriesgada y compleja, y que seguramente merece una segunda audición, menos condicionada por un escrutinio exhaustivo del texto. ¿Qué sorpresas deparará el nuevo proyecto escénico de Parra con NDiaye esta primavera en Munich y Friburgo?”
José Luis Besada, AUDIOCLÁSICA


“Le texte [de Marie NDiaye] est constitué par le long monologue d’une femme qui transporte les cendres de sa soeur pour les amener à sa mère, recluse dans une maison de retraite. On y retrouve les qualités habituelles de l’écrivaine. Sa capacité à décrire, en quelques mots seulement, un univers entier. On croit saisir toute la grisaille désespérée de la Beauce dans ces quelques vers : "La route avance toute droite entre blés maïs avoine betterave / à sucre / et les riches cathédrales des silos de béton / et les nuées sont lourdes et noires dans cette contrée de labeur / le ciel trop ample sur la terre travaillée". La faculté qu’elle a de pénétrer au plus profond des pensées des personnages tout en refusant l’excès d’émotion : "Et tout est bien enclos dans mon coeur qui ne s’épanche pas / ne se livre jamais" constate le personnage après s’être pourtant longtemps exprimé.
La musique d’Hector Parra, protéiforme, accompagne au plus près le livret. Les instruments deviennent percussions. Les grincements des archets, les coups sur le bois des violons, les sifflements du basson dessinent parfois, fugitivement, les bruits que font "les pigeons ramiers les poules dans leur enclos / et les pauvres lapins clapiers étroits" décrits par Marie N’Diaye. La musique joue habilement du silence, laisse toute la place à la comédienne à certains moments, puis se gonfle et emporte tout.”
LA MAISON DE VERRE


“Ce coin modeste de France est honoré dans un langage tronçonné aux verbes précis, hachés de l’auteur. Un ton élémentaire, on songe aux poèmes de René Char, étonnamment à Aimé Césaire par le déluge de mots dans un texte désarticulé, labyrinthe d’images et de mystère, quasiment un puzzle policier incitant à reconstituer la trame en continu du récit. [...] Et presque toujours suivent les mouvements de la musique d’H.Parra, en échos au discours de la diseuse. Dans un langage contemporain, des piani, à la « compacité », voire à certains silences, à un excellent recours à l’électronique, un quasi bel canto électronique. On se dit qu’il y a dans cette écriture actuelle quelque chose de la musique classique.”
Claude Glayman, MEDIAPART


"Le texte, distribué à l’entrée, est riche et souvent beau. Une femme rapporte à ses parents les cendres de sa sœur. Elle marche - superbe idée - sur un sol brûlé traversé d’un chemin de plumes blanches : « Notre mère se meurt par-delà les blés, et les dures saisons l’ont faite à leur image ». La musique est riche elle aussi, efflorescente même, mêlant avec science la nostalgie et la brutalité. [...] Au-dessus de l’ensemble instrumental, impeccable sous la direction de Julien Leroy, des phrases s’inscrivent, dédoublées, avant que l’actrice ne les prononce. Une union naturelle se fait entre les sons et ces mots écrits, rares, répétés, comme des notes sur une portée" [...]
François Lafon, MUSIKZEN


"On assiste à une histoire bouleversante, accompagnée d’une musique non moins expressive, un sacré mélange entre acoustique et électronique, sortie tout droit de la plume du compositeur espagnol Hèctor Parra : « Il y a un côté abyssal, traumatique de cette femme qui est horrible ; c’est presque onirique, surréaliste, atroce. Ces moments de terreur absolue, de confusion totale, des lapins avec des bébés, de la peau de lapin, c’est exprimé par les sonorités les plus étranges, inconnues, absorbantes, parce qu’on peut les diffuser sur toute la salle, c’est le domaine de l’électronique. » Évidemment, il y a aussi des moments plus lyriques où Hèctor Parra sort toute sa palette de couleurs instrumentales qui accompagnent le voyage intérieur et extérieur de cette femme. Et c’est Hèctor Parra qui a eu l’idée de contacter Marie NDiaye pour cette aventure musicale. [...]"
Carmen Lunsmann, RADIO FRANCE INTERNATIONALE


"Le temps m'avait manqué pour rédiger un billet détaillé "à chaud" sur ce beau spectacle, mais j'en garde un excellent souvenir. D'abord le texte de Marie Ndiaye, très réussi, une sorte de monologue obsessionnel, écrit d'un souffle, comme une immense phrase sans ponctuation ni majuscules, et dont l'objet funeste et dramatique ne se dévoile que peu à peu. Ensuite la musique d'Hector Parra, dense, d'une polyphonie complexe, sans temps mort, qui exprime fort bien les émotions qui agitent l'unique personnage incarné sur scène par Astrid Bas. [...] Un coup de chapeau à toute l'équipe de ce beau projet artistique !"
Patrick Loiseleur, LE JOURNAL DE PAPAGENO


“Le compositeur Hèctor Parra semble avoir le vent en poupe. Tout du moins si l’on en juge par Te craindre en ton absence, sa dernière œuvre scénique, qui fait courir toute l’intelligentsia parisienne aux Bouffes du Nord. [...] La musique de Parra ne mérite que des éloges, dans son écriture à la fois complexe, savante et séduisante, sans nulle agression pour les oreilles."
Pierre-René Serna, CONCERTCLASSIC


“Monodramma per un’attrice, un ensemble di 12 strumentisti ed elettronica, “Te craindre en ton absence” (Temerti nella tua assenza), in prima assoluta al Théâtre des Bouffes du Nord a Parigi sino all’8 marzo, è stato presentato al pubblico dai suoi autori come uno spettacolo più vicino che lontano dall’opera, sottolineando, sebbene non vi sia un testo intonato, quanto la parola e la musica siano compenetrate, quanto siamo lontani dunque da semplici musiche di scena. Eppure si sa che storicamente il rapporto tra testo letterario e musicale non è quasi mai equilibrato, ma sempre a vantaggio dell’uno o dell’altro. La musica di Hèctor Parra, eseguita al meglio dall’Ensemble Intercontemporain diretto sul palco da Julien Leroy, ha oscurato il bel libretto di Marie NDiaye, pur rappresentandolo al meglio, andando ben al di là del testo nello scavo psicologico del personaggio di cui ha mostrato le sfaccettature meglio della voce recitante di Astrid Bas. La musica non offre spunti di originalità ma con l’uso dell’elettronica puntella con efficacia e una elementare spazializzazione i momenti chiave della vita di una donna che riflette un giorno sulla sua vita e le sue radici, in particolar modo sull'essere figlia, attraverso la storia della sorella morta suicida. Un testo dunque a tinte fosche, di cui sulla scena si è perso però molto lirismo, risucchiato dalla musica.”
Alessandra Sciortino, GIORNALE DELLA MUSICA


“Parallèlement à un travail d’écriture romanesque, qui, malgré son couronnement médiatique par le prix Goncourt en 2009, n’a rien perdu de son exigence, Marie NDiaye continue à explorer des formes moins convenues, plus hybrides – à défricher de nouveaux sentiers. [...] Avec Te craindre en ton absence, elle a composé le livret d’un monodrame musical. Hèctor Parra en a imaginé la partition et Georges Lavaudant assuré la mise en scène. [...] Mais la grande force de ce spectacle tient toutefois avant tout au livret de Marie Ndiaye, un très beau texte, âpre, précis et qui, comme souvent chez elle, avance sur la corde tendue de peurs, de doutes et de sentiments éminemment humains sans jamais céder une once de terrain au réalisme psychologique."
LA MARCHE AUX PAGES


“Il manquait encore la musique à Marie NDiaye. Romans, nouvelles, pièces de théâtre, livres pour enfants, scénario de film (White Material, de Claire Denis), texte radiophonique : l'écrivaine française, installée à Berlin depuis 2006, a tout abordé avant de tenter l'aventure du monodrame musical. L'oeuvre inédite, Te craindre en ton absence, est une création du compositeur franco-espagnol Hector Parra pour l'actrice Astrid Bas, douze instrumentistes de l'Ensemble intercontemporain et un dispositif électronique. La mise en scène est signée Georges Lavaudant.”
Propos recueillis par Marie-Aude Roux, LE MONDE
“C'est Hector Parra qui s'est emparé de chaque morceau du texte, de chaque phrase, presque de chaque mot, pour les faire siens et composer sa musique. Il m'a posé beaucoup de questions. Pour moi, la personne du texte n'avait pas de contours précis. Je m'étais d'ailleurs interdit de regarder une photo d'Astrid Bas, de façon à n'être pas influencée par ses traits. Mais Hector a voulu savoir qui était cette femme, connaître son enfance. Cet échange a enrichi ma perception du texte, comme c'est parfois le cas lorsque je lis certaines critiques. [...] Dans mon enfance, il n'y avait que la musique à la radio ou à la télévision. De la chanson française. Ma mère possédait quelques disques de Brel, Brassens, Ferrat, Piaf… Mais pas de musique classique, à plus forte raison de la musique contemporaine. Elle est arrivée dans ma vie il y a très peu de temps. Il y a un an, avec le premier concert d'Hector Parra, que je suis allée écouter à Berlin. J'ai découvert un monde, et là, je me sens en apprentissage. Et je n'ai pas envie que cela s'arrête.”
Marie NDiaye (Propos recueillis par Marie-Aude Roux), LE MONDE


“[...] Ou Te craindre en ton absence, du compositeur espagnol Hèctor Parra, sur un livret de Marie NDiaye : ce monodrame pour voix de femme seule se situe dans le sillage de l'Erwartung de Schoenberg.”
Gilles Macassar, TÉLÉRAMA (27.09.2014)


HYPERMUSIC PROLOGUE (2009)


“Parra, 1976 in Barcelona geboren, gehört zu den großen phantastischen Avantgardisten, dessen Partituren stets wie graphische Notationen eines Vulkanausbruchs aussehen - unabhängig davon, dass er seine Klänge gerne noch mit Liveelektronik anreichert, so wie jetzt auch Hypermusic Prologue.”
Reinhard Brembeck, SUDDEUTSCHE ZEITUNG


“Der 34-jährige Katalane Héctor Parra versteht hervorragend, für Singstimmen zu schreiben. Die beiden Hauptfiguren in seinem „Hypermusic Prologue“ haben dramatisches Profil, ihre Lyrismen wirken belebend auf den elektronisch bearbeiteten Instrumentalklang zurück. Parras „projektive Oper“ basiert auf einem Libretto der Physikerin Lisa Randall und thematisiert die Liebe in einem wissenschaftlich definierten, imaginären Raum.”
Max Nyffeler, NEUE MUSIKZEITUNG


“Parra’s music is experimental, filled with glittering, jarring, liquid, fractured-icicle sounds, often electronically generated. It is as far from classical harmony as string theory is from classical mechanics. Moving into the fifth dimension takes the fictional traveller into regions of vastly magnified gravity that distorts other attributes of reality and experience: time, distance, energy and mass.”
Stefan Michalowski/Georgia Smith, NATURE


“The benchmark of success for such an opera – aside from the levels of technical and expressive performance – must of course lie in how successfully the composer translates the highly specific, not to say specialized, theory into a musical and operatic experience. It can safely be said that Parra does that. For this is a very "muscular" opera.” Mark Sealey, CLASSICAL NET


“Imaginación no le falta a este joven creador, uno de los nombres de referencia de la música española actual, que busca una nueva expresividad sonora a partir del uso de avanzadas técnicas de vanguardia y sofisticados recursos electrónicos. Todo en esta obra resulta novedoso e inquietante. Ciencia, música y artes plásticas tienen un punto de encuentro en esta innovadora partitura [...] No es, desde luego, una ópera convencional, ni busca la simple experimentación. Es fruto de la personalidad musical de Parra, quien, en complicidad con Randall, se lanza a explorar sonoramente esas dimensiones ocultas del universo.”
Javier Pérez-Senz, EL PAÍS


“The music's sonic richness speaks with remarkable directness and is deeply involving throughout. The performance is consummately elegant, each detail finely etched. The soloists deliver their lines and sing with equal conviction...Of the contemporary discs I've reviewed recently, this is the one that undoubtedly stands out.”
Fabrice Fitch, GRAMOPHONE


“Parra's opera is decidedly modern, with an experimental score, as befitting such cutting-edge physics theories.”
DISCOVERY CHANNEL


“Parra makes it possible to hear the difference between the Third and Fifth Dimensions, so the conflict between the lovers has real emotional impact and their reconciliation in pursuit of higher realities at the end is meaningfully resonant and cathartic. The opera received a terrific 2009 production from the Kairos ensemble Ensemble InterContemporain and IRCAM-Centre Pompidou, which pulled out all the stops to give the opera the musical and scenic impact its creators intended.”
Stephen Eddins, ALL MUSIC


“Hector Parra, from Barcelona, is himself a true champion of the avant-garde approach to music, painting and literature.”
Daniel Coombs, AUDIOPHILE AUDITION


“This Thursday, March 11, the noted physicist Lisa Randall, the composer Hector Parra and myself are going to try and perform one of the most perilous intellectual high wire acts possible; the simultaneous presentation and interaction of art, music and science. Unlike Einstein on the Beach, or Doctor Atomic, this collaboration doesn't just present the history of science; it references a contemporary and highly advanced theory of extra dimensional space.”
Matthew Ritchie, THE HUFFINGTON POST


“Cet opéra est ambitieux: prolonger, en musique et grâce au dernier cri de l’informatique musicale, les plus récentes découvertes de la science. L’œuvre est électrisée par une vive tension entre de méditatives temporalités larges et d’urgents évènements sonores instantanés. Le sens du timbre et le creusement des espaces sonores internes attestent que Hèctor Parra possède une oreille musicale et une invention aiguës.”
Frank Langlois, RESMUSICA


“La dentelle musicale développée par Hèctor Parra avec un talent rare - mêle intelligence, sens de la couleur et imagination.”
Jérémie Szpirglas, ANACLASE


“Il s’agit à notre connaissance de la meilleure partition d’Hector Parra, qui nous avait habitués à des créations raffinées, taillées, et qui là, fend l’armure.”
Maurice Ulrich, L’HUMANITÉ


“Parra se adentra en el mundo de la ópera con una visión nueva, con la exploración de dimensiones sonoras y dramáticas desconocidas, combinadas con la plena conciencia de la historia del género, que lleva a una síntesis fructífera.”
Albert Vilardell, EL MUNDO


“La partitura és un prodigi d'inventiva, una eclosió sense respir de fenòmens sonors que arriben a moments d'una densitat extrema.”
Xavier Cester, AVUI


“Contando con el Ensemble Intercontemporain -dirigido por Clement Power-, de profusa, riquísima y variada percusión, y con un impresionante aparato electrónico del Ircam parisino, Parra invitó a toda una experiencia sonora.”
Pablo Meléndez-Haddad, ABC


“La música brilla en el experimento futurista ‘Hypermusic prologue. La brillante adaptación de la voz de los cantantes a una partitura creada con la ayuda de la informática para intentar plasmar el sonido en la quinta dimensión o en la tensión terráquea, es uno de los mejores logros de este proyecto. Música futurista en este experimento que abre las puertas a nuevos caminos compositivos.”
César López Rossell, EL PERIÓDICO


“Ambición y medios: es una buena receta para que el estreno de una ópera nueva despierte la atención del milieu. Tiene ambición esta Hypermusic prologue. Sólo el título ya denota hambre de gol. Añádase un compositor premiado y reconocido, pese a su juventud, como Hèctor Parra, y una libretista de fuerte tirón, como la física Lisa Randall, autora de un tratado sobre las dimensiones desconocidas en universos posibles que está considerado entre los más influyentes del momento científico. Considérense, además, los solventes medios puestos a disposición por el Institut de Recherche et de Coordination Acoustique / Musique, que incluye a su mítica formación orquestal, el Ensemble Intercontemporain -estrenada en París en junio, la obra es de hecho un encargo de ese centro-, y la generosa financiación de Caixa de Catalunya. La conclusión no puede ser otra: hay seriedad y compromiso en toda esta operación.”
Agustí Fancelli, EL PAÍS


“La musique d’Hèctor Parra - confiée à une dizaine de musiciens de l’Ensemble Intercontemporain et à quelques magiciens de l’Ircam - est dense et généreuse et elle demande qu’on y retourne ; elle utilise une écriture instrumentale fouillée où le lyrisme - central - cohabite avec des sons bruités, parfois très rudes ; et elle se double, s’amplifie, se nourrit (en la nourrissant) de prolongements électroacoustiques live calqués (mais il faut le savoir) sur le modèle physique spatio-temporel de Lisa Randall. Le plus étonnant étant que ces élucubrations aboutissent, indéniablement, à des résultats expressifs et artistiques.”
Martine D. Mergeay, LA LIBRE


“Många pratar om den potentiella dialogen mellan vetenskap och samtidskonst. Få har dock gått lika långt i utforskandet av detta mellanrum som den spanske tonsättaren Hector Parra och den amerikanska partikelfysikern Lisa Randall, professor vid Harvarduniversitet och omtalad för sina modeller för universum kallade Randall-Sundrum 1 och 2. [...] Det som förvånar allra mest är kanske sensualismen i uttrycket. Trots närvaron av matematiska modeller blir resultatet en impressionistisk lätthet i förflyttningarna, och sopranen Charlotte Ellett är helt fantastisk i rollen som vetenskapsmannen.”
GÖTEBORGS POSTEN


“Es handelt sich um eine Oper für extradimensionale Räume, die der spanische Komponist Hèctor Parra bescheiden „Hypermusic Prologue“ genannt hat und die jetzt in den Sophiensaelen erstmals als Oper aufgeführt wurde.
Die Überschreitung von Grenzen in der Musik ist mühsam geworden. Hundert Jahre, nachdem Arnold Schönberg im 2. Streichquartett mit Worten Stefan Georges die „luft von anderem planeten“ beschwor und wahrhaft neue Saiten aufzog, lässt sich dieses „andere“ im Klang kaum noch beglaubigen; auch geschworene Avantgardisten sehen im Material keine weißen Flecken mehr zu erobern. Der 1976 geborene spanische Komponist Hèctor Parra nennt seine Oper über extradimensionale Räume dann auch bescheiden „Hypermusic Prologue“, als läge die eigentliche Überschreitung jenseits des Stücks.
Parra war fasziniert von den „Verborgenen Universen“ der Physikerin Lisa Randall, dem Modell einer von mehr als vier Raumzeitdimensionen bestimmten Welt, die jedoch, weil sie sehr klein sind und außerhalb unseres Weltraumfleckchens angesiedelt, keinen Einfluss auf unser Wahrnehmen und Handeln haben. Dennoch vermag die Idee zu faszinieren, zumal die dahinterstehende Mathematik einem Komponisten Prozeduren an die Hand gibt, um das nicht mehr erweiterbare Material dennoch über die Grenze des Vertrauten zu schieben.
Das Zafraan Ensemble, gegründet von ehemaligen Studenten der Musikhochschule „Hanns Eisler“ und geleitet von Manuel Nawri, hat das 2009 konzertant uraufgeführte Stück am Wochenende in den Sophiensaelen erstmals als Oper produziert. Die Spielfläche ist vergittert von einem schräg nach hinten ansteigenden Netz, unter dem sich Sopran und Bariton treffen, trennen und wieder treffen. Die Sängerin zieht es hinaus, auf das Netz, das sich unter ihrer „Masse“ einbeult und damit jene verformten Raumzeitlinien beschwört, mit denen zuweilen Einsteins relativistisches Gravitationsmodell veranschaulicht wird.
Das bis dahin weitgehend konventionelle Singen Johanna Greulichs beginnt dort draußen lieblich zu wispern und unverständlich zu werden – und klingt atemberaubend virtuos. Der Mann, Robert Koller, patscht dagegen im Elementaren eines Brunnens und steckt lediglich Hände und Füße durch die Maschen – so wie die Figur des bekannten Holzschnitts den Kopf durch die irdischen Sphären stößt. Nur in traumhafter Entrückung gelangt er auf die andere Seite, begleitet von durch den Raum flitzenden elektronischen Impulsen.
Diese Impulse markieren den äußersten Rand von Parras Musik, die mit expressivem Celloklang begann: eine musiksprachliche Konventionalität wie auch der kantable Einsatz der Singstimme. Die Verfremdung ins Elektronische zeichnet die Entwicklung des Librettos nach, das Lisa Randall für Parra schrieb.
Viel von Physik vermittelt Benjamin Schads Inszenierung nicht mehr – plötzlich ist dann alles wieder Oper, Gefühl, zweidimensionale Sexualität. Der Raum repräsentiert nicht die Objektivität der Elementarteilchen, sondern die Subjektivität der Welten, in denen Menschen leben. Damit aber gelingt der Aufführung, die auch in Basel und Madrid zu sehen sein wird, die Transformation einer physikalischen Theorie in künstlerische Wahrhaftigkeit.”
Peter Uehling, BERLINER ZEITUNG


“Eine konzeptionell derart ambitionierte Oper funktioniert nur, wenn die Musik auch für sich sprechen kann und nicht bloss ein Konstrukt bleibt, hinter dem man die Absicht erkennen würde und verstimmt wäre. Die Gefahr ist gebannt: Parra ist ein zu authentischer, handwerklich zu souveräner Tonschöpfer, als dass sich die Partitur im blossen Einfall erschöpfen würde. In der knappen Stunde Wiedergabe kann man sich den fremden Klängen hingeben ‒ faszinierenden, granular-fragmentarischen Teilchenschauern eines Ensembles aus Streichquartett (mit Kontrabass statt zweiter Violine), Flöte, Klarinette, Saxophon, Schlagwerk, den beiden Sängerakteuren und Elektronik. Die Großarchitektur trägt im großen Atem über die Stunde. Das Zafraan Ensemble bietet unter der Leitung von Manuel Nawri eine exzellente Wiedergabe, die Sopranistin Johanna Greulich und der Bariton Robert Koller überzeugen sowohl sängerisch als auch darstellerisch. Auch das Bühnenkonzept (Tobias Flemming) und die Regie (Benjamin Schad) fügen sich zum Ganzen. [...] Hypermusic Prologue ist ein großes Werk, das eine lange Interpretationsgeschichte verdient ‒ auf allen möglichen Bühnen und Branen.”
CODEX FLORES


“Die Wissenschaftsmetapher steht einer an sich alltäglichen Beziehungsgeschichte Pate. Die spekulative physikalische Theorie gibt ein erhellendes Erklärungsmuster für die Vielschichtigkeit menschlicher Erfahrungs- und Entwicklungswege ab. Während die Partnerin aus der Beziehung aus- und zu neuen Horizonten aufbricht, bleibt der Mann in seinen angestammten Mustern verhaftet. «Physik ist Romantik», sagt Parra. Dieses Verständnis wollte er transportieren. Seine Musik ist im herkömmlichen Sinne wohl nicht romantisch zu nennen, doch vermittelt sie in ihrem rastlosen Duktus die zeit- und raumgebundene Erfahrungswelt des Menschen.”
Niklaus Rüegg, SCHWEITZER MUSIKZEITUNG


“Modernes Musiktheater in Basel: Die unterschiedlichen Dimensionen zu begreifen und zu durchdringen, ist schon eine anspruchsvolle Aufgabe für den Zuschauer. Glücklicherweise liefert das Programm mit dem Librettotext eine Begriffshilfe. Die Musik des Katalanen Hèctor Parra, meisterlich umgesetzt vom Zafraan Ensemble, gepaart mit Live-Elektronik zu den eindringlich gesungenen Parts von Robert Koller und vor allem Johanna Greulich, setzt nochmals mehrere Dimensionen drauf, die es zusätzlich aufzunehmen gilt. Dies alles sprengt in seiner Intensität fast die Grenzen der Wahrnehmung.”
Dagmar Wacker, JOURNAL 21


“Parras Musik blieb erstaunlich "irdisch", nur kurz deuteten Wolfgang Heinigers/Hadas Pe´ery live-elektronische Zuspielungen an, wie eine "Hypermusik" klingen könnte.”
Nikolaus Cybinski, BADISCHE ZEITUNG


“Das Ganze ist ein Stück ausgeklügeltes Musiktheater, in das hochgradig ausgebildete, gescheite Menschen vermutlich Monate ihrer Lebenszeit investiert haben und an dessen Ende eine einstündige Produktion steht ‒ ein übersichtlich gearbeitetes, wenn auch vollkommen rätselhaft bleibendes Stück für zwei kletterfähige Singstimmen (mit Kindfrauenreiz und extremen Spitzentönen: Johanna Greulich; als baritonal nobler Gigolo: Robert Koller), acht Instrumentalisten und etwas zwitschernde Elektronik. [...] Man versteht eigentlich nichts, hat aber den Eindruck, an einem wichtigen Ereignis teilzunehmen. Entsprechend positiv reagierte das Publikum am Mittwoch in der Gare du Nord.”
BASLER ZEITUNG


“Die blendenden Sänger besitzen große Qualitäten, vom Beherrschen des Sprechgesangs bis hin zu traditionelleren Techniken. Die Musik dazu ist gut geschrieben. [...] Das Werk funktioniert in jenen Passagen am besten, wo der Text in den Hintergrund gerät und die Protagonisten sich in absurden Handlungssträngen verlaufen. [...] Selten habe ich so eine gute Verwendung von Live-Elektronik gehört. Die elektronisch verarbeitete Stimme spielt eine Schlüsselrolle, die dem Werk einen mystischen Ausdruck verleiht. Mit mystisch ist hier jedoch das Erfahren von größtmöglicher Nähe zum Leben gemeint (und nicht so wie das Wort Mystik oft verwendet wird, also als etwas, das der Wirklichkeit fremd ist). Die hyperwirklichen, elektronischen Klänge schaffen eine Nähe zu den Dingen, zu den physischen, zu unseren eigenen Körpern.”
NUTIDA MUSIK


“I learned quite a lot,” Randall says of the collaboration. “Of course one thing I learned was how to write a libretto. My writing tends to be expository and employs longer sentences. Hèctor explained that he needed more duets (conversation of a sort) and shorter phrasings. But I also learned from the artist Matthew Ritchie [who designed the sets] about how to work with existing constraints and how to turn a stage into something wonderful. Performance is very different from paper. Although one character in our opera was confined to a lower dimensional space, he still had to appear interesting. Matthew and I worked creatively to make the lower-dimensional resident’s space alive too.”
Lisa Randall interviewed by Karen Shook. TIMES HIGHER EDUCATION


“Je me souviens avec emotion des premières répétitions, durant lesquelles chacun apprivoisait ce nouveau langage musical, un langage très personnel débordant d'une grande expressivité. Hèctor nous proposait une musique d'une grande précision, rythmiquement et musicalement complexe, et un phrasé très varié ponctué de nuances extrêmes, dont le son était animé par un souffle tout à fait particulier, bien différent du simple vibrato. Nous étions éblouis.”
Emmanuelle Ophèle, BROCHURE 2016/17 de l'Ensemble Intercontemporain


“Tan revolucionarias como la que sugiere la existencia de dimensiones ocultas en el cortinaje espacio-temporal del universo. "Según los resultados de una investigación que llevé a cabo con el físico Raman Sundrum, podríamos estar viviendo en un sumidero 3D dentro de un universo de dimensiones infinitamente superiores", aclara la científica. Aquella idea no sólo llamó la atención del mismísimo Stephen Hawking y elevó su primer libro, 'Warped Passages' (2005), a la categoría de bestseller, sino que también le abrió las puertas del Centro Pompidou de París y del Teatro del Liceo de Barcelona.
Allí se estrenó en 2009 'Hypermusic Prologue', una "ópera proyectiva en siete planos" del compositor catalán Hèctor Parra. En aquella ocasión, Lisa Randall abandonó provisionalmente los laboratorios para escribir el libreto, que cuenta la historia de una compositora y científica que se debate entre el amor por su compañero y su insaciable necesidad de conocimiento. Tras una fuerte discusión, la protagonista de la ópera decide emprender un peligroso viaje a la deformada quinta dimensión del modelo Randall-Sundru. "Fue una experiencia maravillosa", recuerda.
Después de escribir 'Warped Passages', recibí cientos de cartas y correos electrónicos. Algunos muy interesantes, pero ninguno tan intrigante como el mensaje de Hèctor Parra", que entonces se desempeñaba como compositor en residencia de investigación en el IRCAM de París. "No sólo había leído y asimilado las teorías de mi libro, sino que me proponía escribir el libreto de una ópera. Quería que mis conocimientos científicos permitieran crear una quinta dimensión espacio-temporal sin desatender los aspectos más humanos de los personajes”.
Lisa Randall interviewed by Benjamín G. Rosado. EXPANSIÓN (13.01.2017)


"- You also undertake a lot of other artistic pursuits for which you’ve won numerous awards. How does that tie in with the work you do?
- I worked on A Projective Opera that premiered at the Pompidou Centre in Paris and went on to several other places, and it was the composer Hector Parra who contacted me about that. People contact me about a lot of things but this project sounded particularly intriguing. He is a very talented young composer and I just spent a long time writing these passages and painstakingly thinking about the logic of how we got where we are today, why we answer the questions we do and the reasons behind the science. So it was just really fun to think about going in a completely different direction and introducing people to the ideas of what’s around. And as a physicist to be told that your work is going to premiere at the Pompidou Centre; I mean how exciting is that?"
Lisa Randall interviewed by 52-INSIGHTS.COM (20.04.2017)


ZANGEZI (2007)


“Parra desarrolla una música excepcional, buscando caminos para una nueva expresividad apoyada en los lenguajes derivados de la electrónica y en una teatralidad de corte tan hiperrealista como neofuturista. Los resultados artísticos son irresistibles.”
J.A. Vela del Campo, EL PAIS (06.2007)


“El teatro con música va desde la ópera, con sus recursos dramáticos tradicionales, hasta este extremo de bienvenida novedad - sensible poesía- que propone Hèctor Parra en una coproducción del Schauspielhaus Salzburg y Operadehoy. Una hora de magia y poesía [...] Precisamente la ópera, que niega la palabra hablada, encuentra aquí su eco en este subrayado de su belleza sonora. Pero no todo es antítesis, los elementos dialogan; el canto y el texto dicho se enlazan con la electrónica en conjunción de espacios y ambientes sonoros muy atractivos, que proponen a la vez una reflexión sobre los límites del concepto de música. La palabra de Parra se percibe en esta experiencia en un terreno poético de particular sensibilidad”.
Jorge de Persia, LA VANGUARDIA (06.2007)


“El joven compositor barcelonés Héctor Parra le ha puesto música electrónica que funciona eficazmente. Georg Reiter, Christoph Kail y Ana Caleya desarrollan un meritorio trabajo actoral y la soprano Aleksandra Zamojska tiene unas bonitas intervenciones que culminan en el sorprendente final en el que del magma electrónico surge una nana de Tchaikowski que arrulla el final de Zangezi. En conjunto, es un buen espectáculo.”
Tomás Marco, EL MUNDO (06.2007)


“Parra sabe explorar con maestría los registros más expresivos de la electrónica al situarse en ese terreno equidistante de la perfección y riqueza tímbrica más abstracta y de las referencias concretas. Así su música trancurre entre lo grotesco y la nítida consistencia de unas atmósferas de cristal, entre el impulso agresivo y el más grave e inmóvil resonar del fondo de las cosas. Se podría hablar de una electroacústica en la que reverbera un latir vital. En las ocasiones que este se hibrida con el canto, como en el caso del singular ángel de la histroia que interpreta una soprano, el resultado posee una inquietante atracción.”
David Cortés, RITMO (07.2007)


“Zangezi: un trabajo que puede señalar caminos y que determinó que el Liceu hiciera un encargo a Parra.”
OPERA ACTUAL (09.2007)


“Parras elektronische Komposition übersetzt das Raumgefühl der Szene, ihre Weite, die hindurchkreuzende Geschwindigkeit der herumfliegenden Teile, auf eine sehr suggestive Weise in Klang. Er dringt nicht nur über das Ohr sondern auch über die Knochen in den Hörer ein, hebt die Grenzen zwischen Darstellern und Beobachtern der Szene auf und zieht die Hörer für achtzig Minuten so mühelos wie sinnfreudig in die Umlaufbahn um ein großes schwarzes Loch.”
Martin Willkening, BERLINER ZEITUNG (15.02.2016)


“In Arnold Schönbergs zweitem Streichquartett kündigt ein Sopran mit der Gedichtzeile „Ich spüre Luft von anderem Planeten“ den Vorstoß in neue musikalische Welten an. Auch in „Zangesi“ (2007) von Hèctor Parra nach Velimir Chlebnikov beglaubigt eine hohe Frauenstimme das Ausschwärmen in kosmische Fernen. Der wunderbare Sopran der jungen Sängerin Sónia Grané liefert in der Werkstatt der Staatsoper sogar die einzige live produzierte Musik des Abends. Denn die das Publikum von allen Seiten umfangende Tonspur hat Parra aus Vogelrufen, menschlichen Geräuschen und Industrieklängen elektronisch gefügt.[...] Parras Musik fasziniert in ihrer Fremdheit, wirkt allerdings beim ersten Hören auch ziemlich sperrig. Überhaupt ist die knapp 90 Minuten lange Veranstaltung anstrengend, zeigt aber doch wieder einmal, dass in der kleinen Werkstatt der Staatsoper zurzeit das avantgardistischste Musiktheater der Stadt produziert wird.”
Benedikt von Bernstorff, DER TAGESSPIEGEL (15.02.2016)


“Das ist genial! [Bewertung: 5/5] [...] Velimir Chlebnikov, russischer Utopist war natürlich auch von Einsteins Denken beeinflusst; Utopien richten sich immer auch in den Kosmos. Genau wie Einstein wollte Chlebnikov das Universum mit mathematischen Formeln erklären, seine "Übererzählung" Zangezi bildet einen Querschnitt seines Denkens ab. Chlebnikovs Resümee ist allerdings am Ende negativ, sein selbsternannter Philosoph scheitert am Ende. Einstein war es egal, dass seine Formeln nicht bewiesen werden konnten, ja es nicht mal 1916 vorstellbar war, dass seine Formeln jemals bewiesen werden könnten. Wie genial ist das denn nun, wenn der junge katalanische Komponist Hèctor Parra mit einer periodischen Verschiebung von 9 Jahren (2007 wurde Zangezi an der Ópera de Hoy uraufgeführt, 2016 wurde Einsteins Theorie bewiesen) beginnt, sich genau mit den Themen Einsteins und Chlebnikovs künstlerisch auseinanderzusetzten?! [...]
Die Dehnung der Zeit erfolgt durch die klangliche Struktur der Partitur: hunderte Aufnahmen von Vogelgesängen, Glottisschlägen, schlagzeugartigen Klängen aus Fabriken werden mit weiblichen und männlichen Stimmen kombiniert und gebrochen. Der kristallklare und doch weiche Sopran von Sónia Grané gibt den ansonsten völlig freien Struktur Halt und Struktur. Als Musiktheater im tradierten Sinn würde man den heutigen Abend nicht beschreiben; periodisch ablaufende Aktionen aus Sprech- und Musiktheater werden mit visuellen Reizen aufgeladen. Es wird eine kribbelnde Atmosphäre erzeugt über Raum und Zeit und über Entstehen und Vergehen nachzudenken. Großes Kino, unbedingt ansehen!”
Steffen Kühn, KULTUR EXTRA (13.02.2016)


"Das Tonmischpult und die Sopranistin: die insgeheimen Stars des Abends.
“Zangesi" ist eine elektronische Oper von dem Komponisten Hèctor Parra, die letzten Freitag in der Inszenierung von Janne Kummer in der Werkstatt der Staatsoper Premiere hatte. Dirigent und Orchester sind in dieser Partitur durch Sébastien Alazet ersetzt, der das Tonmischpult bedient. Eine Sopran-Sängerin (toll: Sónia Grané) tritt im Wechsel mit vier SchauspielerInnen auf (Maike Schmidt, Lisa Schützenberger, Wieland Schönfelder, Jan Koslowski). Gesang und Sprache wechseln sich ab, und die Anordnung ist unterlegt mit einer für das ungeschulte Ohr sperrigen elektronischen Partitur. Diese hat Parra aus Klängen zusammengesetzt, die elektronisch erzeugt sind, aber ihren Ursprung in natürlichen Phänomenen haben: Rauschen, Rascheln, Versatzstücke von Vogelgezwitscher, metallische Töne, die an die Benutzeroberfläche moderner Smartphones erinnern, und Atemgeräusche – eine Hommage an Stanley Kubrick’s Meisterwerk 2001. A Space Odyssey? [...]
Die Bewegungen des Ensembles auf der „Raumstation“ (siehe Foto) oder auf der Videoprojektion sind minimal und unendlich langsam – wie auf dem Mond. Jede Aktion wirkt wie in Watte gepackt. Dieser Rhythmus bestimmt Kummers Inszenierung. Er macht „Zangesi” zu einer beeindruckenden und stimmigen Anordnung von Raum, Sprache, Gesang, Körper und elektronischem Klang. [...]
Science Fiction ist als Genre mit Sicherheit dem Film und der Literatur näher als der Bühne, was an den begrenzteren Möglichkeiten von Technik und Fantasie liegen mag. In dem Spiel jedoch, das „Zangesi“ mit der nostalgischen Thematisierung jener ikonischer Zeichen betreibt, die wir einmal für unsere Zukunft benutzten, funktioniert dieser Stoff wunderbar für die Bühne.”
Elena Liebenstein, UNRUHE IM OBERRANG/THEATERKRITIK BERLIN (18.02.2016)


“Ein russischer Avantgarde-Künstler, ein katalanischer Komponist, Gesang von Menschen und Vögeln, elektronische Sounds und Klangcollagen aus der Metallindustrie – klingt völlig abgefahren? Ist es. Und deshalb ein besonders sehens- und hörenswertes Ereignis, das da in der Staatsoper Berlin zu erleben ist.
Im Detail handelt es sich dabei um ein Musiktheater für Schauspieler, Sopran und Elektronik, das der aus Barcelona stammende Komponist Hèctor Parra aus dem Erzählwerk “Zangezi” (1922) des futuristischen Dichters Valemir Chlebnikov entwickelt hat. Dabei entwirft Parra eine dynamische Bricolage aus Klängen und Szenen, die sich immer wieder selbst zerwirft und neu erfindet – ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Komposition, bildnerischen Künsten und Sprachkunst entsteht. Wer seine Synapsen durchlüften möchte, für den bietet dieses außergewöhnliche Stück den idealen Anlass.”
Ilona Jerabek, MIT VERGNÜGEN (21.02.2016)


“Höhepunkte bieten drei Szenen der Live-Sängerin, die Passagen aus Chlebnikovs Originaltext singt, darunter ein melancholisches Schmetterlingsgedicht und ein „Lied in Sternensprache“. Dabei wird die großartige Sopranistin Sónia Grané – zunächst im Reifrock, dann im rosa Tutu und am Ende im schwarzen Ballettdress kostümiert –”
Peter P. Pachl, NMZ.DE (13.02.2016)


“Eine wichtige Rolle spielt dabei die «Sternensprache», in der der Klang des Wortes die Essenz des Gegenstandes, den es bezeichnet, erfassen soll. Was Chlebnikov hier versucht, ist nichts weniger, als die Vielfalt der Sprachen und Sprechhaltungen auf ihren gemeinsamen Ursprung zurückzuführen. Diese Idee muss einen Komponisten wie Hèctor Parra faszinieren. Ihn treibt eine ähnlich hybride Wunschvorstellung um: die Totalintegration historischer und gegenwärtiger Musiksprachen. Und das Material seiner elektronischen Komposition für "Zangezi" lässt sogar diese Limitierung noch hinter sich. Hunderte von Klängen, haupsächlich Vogelgesänge, menschliche Stimmen und Industriegeräusche, hat Parra in winzigste Bruchstücke zerlegt, diese wiederum in ihren Klangeigenschaften verändert und dann neu zusammengesetzt.
Es entseht ein akustisches Analogon zur Welt des Wahrnehmbaren, fallweise verdichtet zu undurchdringlicher Hyperkomplexität. Orientierung bieten einige (scheinbar?) vertraute Klänge und sphärische Sopransoli (trotz Einbeziehung in die elektronische Klangsphäre klar und konturiert: Sónia Grané). Dennoch fordert das Stück eine erhebliche Höranstrengung.”
Ingo Dorfmüller, OPERNWELT (04.2016)


“Basierend auf dem letzten dramatischen Gedicht des russischen Futurismusdichters Velimir Chlebnikov (1885-1922), der komplexe Sprachexperimente entwickelte, in denen er Wörter ungeachtet ihrer Bedeutung auf ihren Urgrund zurückführte, entwickelte Hèctor Parra mit Versatzstücken des Textes ein mehrdimensionales »Raum-Zeit«-Musiktheater. Im Zentrum steht eine Klangstruktur, welche sich aus hunderten Aufnahmen von Klängen des uns umgebenen Wirklichkeitsrauschens speist: Vogelgesänge, Glottisschläge, weibliche und männliche Stimmen, schlagzeugartige Klänge aus Fabriken und der Metallindustrie werden transponiert, gebrochen, resynthetisiert und verräumlicht. Parra geht somit einer klanglichen Realität auf den Grund, indem er selbige neu erfindet. Wie in den Sprachkonstruktionen der russischen Futuristen, nähert sich auf einmal scheinbar Gegensätzliches aneinander an und lässt eine sich stetig neu konstituierende polyphonisch-verwobene Struktur unterschiedlichster Ausdrucksmomente entstehen, welche das Spannungsfeld sowie die besondere Intensität dieses Werkes ausmacht.”
LIVEKRITIK.DE (02.2016)


“Sónia Grané stellt sich mit bewundernswertem Mut den irrsinnigen Intervallsprüngen, kann auch die extremsten Höhen in einem feinen Piano angehen und bezaubert durch das aparte, erotisch gefärbte Timbre. Schon allein ihretwegen lohnt sich der Besuch der etwa achtzig Minuten dauernden Aufführung.”
Ingrid Wanja, DAS OPERNFREUND (13.02.2016)


“Han pasado casi diez años desde que Hèctor Parra estrenase su primera ópera, Zangezi, en el Teatro Albéniz de Madrid durante la temporada 2006-2007 de Operadhoy. En aquel momento pudimos disfrutar de un trabajo escénico excepcional gracias a Robert Pienz [...] La oportunidad de escuchar y ver de nuevo esta pieza escénica, en una sala diferente y con una nueva mise en scène se antojaba por tanto una buena oportunidad para descubrir si la opera prima de Parra ha resistido el paso del tiempo. El equipo decidió para esta versión situar la acción basada en los textos del futurista ruso Velimir Jlébnikov en un contexto de ciencia ficción –una colonia de humanos en el espacio exterior–, con ciertos guiños a la ciencia contemporánea. [...] En cuanto al elenco situado sobre el escenario, es de justicia destacar la voz de Sónia Grané, quien acometió las diversas arias –a modo de interludios y epílogo de la obra– con una calidad vocal sobresaliente y en perfecta fusión con la electrónica. [...] Por otra parte, los cuatro actores realizaron una eficiente labor, logrando extraer la risa del público en algunos pasajes donde el texto se tornaba cómico. De entre ellos subrayaríamos la soltura y naturalidad de Wieland Schönfelder. [...] Otro de los aspectos más destacados de la nueva producción fue la calidad con la que Sébastien Alazet acometió la difusión de la electrónica musical. Fue capaz de generar un espacio para la inmersión en la escucha cuyo equilibrio de dinámicas y de registros estuvo en todo momento bien balanceado. Además, la espacialización del sonido fue sutil, sin caer en innecesarios artificios. [...] Queda por último hacer referencia al espacio escénico y a la dirección de actores. La montaña de Zangezi se vio transmutada en este espectáculo a través de una arquitectura de materiales industriales básicos, en convivencia con unos viveros vegetales, que resultaron eficaces en el conjunto total.”
José Luis Besada, MUNDOCLÁSICO.COM (21.02.2016)